Sonderheft Chartern 03
Schöner als die Südsee
Udo Hinnerkopf über sein Hausrevier

Eigentlich wollte ich damals, Anfang der siebziger Jahre, um die Welt segeln. Ein Abstecher ins Mittelmeer war nicht vorgesehen. Doch dann erzählte mir ein Segler in Portimao an der portugiesischen Südküste derart begeistert von den Inseln und Häfen der Ägäis, dass ich mich kurzerhand anders entschieden. Na ja, schaden konnte es nicht. Notfalls segelst du hinten durchs Rote Meer wieder hinaus, dachte ich mir. Meine Welt war weit und offen, alles war möglich.

Die Balearen gefielen mir gut, auch in Kroatien und auf Malta fand ich hübsche Plätze. Die Inseln im Ionischen Meer waren sanft und lieblich und auf Odysseus Insel Ithaka wäre ich gerne länger gebliegen, doch die Sporaden lockten. In der Ägäis fand ich zauberhafte Inseln und Häfen - und die Zeit verging. Dann kam ich an die türkische Küste - und wollte nie wieder weg! Weltumseglung ade.

Das hatte ganz sicher auch mit Ayse zu tun, denn sie verzauberte mich wie Kirke den Odysseus. Als drei Jahre um waren, hatte ich den Gedanken an die Südsee vergessen. Wir fanden in Bodrum ein Häuschen über dem Hafen und die Türkei wurde mir zur zweiten Heimat.

Wenn ich heute an diese ersten Jahre zurück denke ist es wie Eintauchen in eine andere Welt. Damals... so fangen alle Erinnerungen an. Aber hier war es damals wirklich anders. Zum Beispiel die Muezzine von den Minaretts: Sie riefen ihren Singsang noch ohne Lautsprecher mit gewölbter Hand in den Morgen. Wir hörten das wie aus weiter Ferne und fielen nicht wie heute aus den Kojen, wenn mit tausendfacher Wattverstärkung Allahakbar gleichzeitig aus allen Himmelsrichtungen über den Hafen schallt.

Damals war es noch ein Abenteuer hier zu segeln. Da gab es weite Küstenabschnitte ohne jegliche Bebauung - natürlich auch ohne die heute überall gegenwärtigen Buschkneipen. Der Wächter auf der Kleopatrainsel, der sich in einer Baumgabel eine Plattform als Unterkunft gegen die Inselschlangen eingerichtet hatte, bat uns, ihm Munition für sein Gewehr aus Rhodos mitzubringen. Das Gewehr brauchte er zum Jagen. Und jagen musste er, um zu überleben. Den kostbaren Korallensand, den er bewachen sollte, durften wir dafür eimerweise mitnehmen und im Winter als Antirutschbelag auf das Deck unseres Stahlschiffes malen.

Überhaupt Rhodos. Es gab noch keinen Flughafen in Dalaman und Bodrum. Wer in die Türkei wollte musste nach Izmir fliegen und sich im Dolmus über staubige Straßen zum Yachtkai quälen. Deshalb holten wir unsere Segelfreunde im Mandraki-Hafen auf Rhodos ab und nahmen manche Dose Nescafe für den freundlichen Wirt am Hafen in Marmaris mit.

Auf den griechischen Inseln verproviantierten wir uns für Wochen. An der türkischen Küste gab es manchmal keine Streichhölzer, keinen Zucker und - was am schlimmsten war: keinen Kaffee. Nur Brot, Oliven, Tomaten und Käse waren immer und überall zu haben. Ein Kilo Bonfilet, das Feinste vom Feinen, kostete beim kasap in Marmaris 7,50 Mark. Dafür war das nächste Krankenhaus hunderte von Meilen entfernt. Heute hat jedes Dorf eine Unfallstation und in jeder größeren Touristenortschaft gibt es erstklassige Krankenhäuser, die mit allen technischen Geräten ausgerüstet jeden Bandscheibenvorfall reparieren können.

Die einschneidenten Änderungen kamen nach 1980. Das Land wurde demokratisiert und die Warengrenzen geöffnet. Plötzlich gab es Ersatzteile für die Boote, der nette Wirt am Hafen hatte Nescafe, der nicht mehr von uns mitgebracht worden war, und die Melonen waren eisgekühlt, denn jeder Kneipier besaß jetzt einen Kühlschrank und war nicht mehr auf die in der Hitze rasch wegschmelzenden Eisstangen angewiesen.

Noch im Herbst 1984 wurde die Turban Marina in Bodrum während der Wintermonate gesperrt: die Yachten mussten entweder an Land gestellt oder zur nächsten Turban Marina nach Kusadasi verholt werden. Gegen die orkanartigen Winterstürme fehlte in Bodrum eine zusätzliche Mole. Diese wurde erst 1985 gebaut. Ein anderes Dilemma war die Wasserversorgung. Bis Anfang der 90er Jahre war in Bodrum Wasser knapp. Man konnte nur jeweils eine Stunde morgens und abends die Tanks auffüllen. Manchmal kam es zu Handgemengen unter den Yachties auf den Stegen: sie schnitten sich gegenseitig die Wasserschläuche ab.

Heute sind die Marinas die besten im Mittelmeer. Gleich ob Netsel in Marmaris, Marti in Orhaniye, Milta in Bodrum oder die Setur-Marinas in Kusadasi, ­esme und Ayvalik: man glaubt im Hilton zu sein, wenn man aufs Klo muss. Wei§er Marmor allerorten und kŸhles Klima mit Musikberieselung, wšhrend drau§en die Hitze brŸllt. Wasser ist kein Thema mehr, in den Sanitšrršumen kann man stundenlang duschen - hei§ oder kalt, ganz nach Belieben. An den Stegen gibt es Telefon und TV-AnschlŸsse. Die Jungs, die beim Anlegen helfen, stecken in ordentlichen Uniformen und kommen einem schon an der Hafeneinfahrt mit dem Schlauchboot entgegen. Sie helfen beim Einparken in den oft engen Marinagassen durch DrŸcken und Schieben mit den Schauchboot gegen die Bordwand. In allen Marinas wird an Murings festgemacht.

Wenn ich heute mit damals vergleiche, weiß ich allerdings nicht genau, was ich besser finde: den einfachen Status damals oder die perfekte Infrasturktur heute. Dauersegler Sonja und Heinz erzählten mir 1979, dass sie mit 400 Mark im Monat über die Runden kamen. Ein 6-monatiger Winterplatz in Kusadasi kostete 900 Mark - heute reicht das bei gleicher Bootslänge gerade mal für 2 Wochen.

Zwei Pluspunkte muss man der Türkei zu gute halten, wenn man damals mit heute vergleicht: 1. Die Zerstörung der gesamten Küste, von vielen prophezeit, ist nicht bzw. nur partiell eingetreten. Man unterscheidet zwischen Naturschutzparks, in denen nicht gebaut werden darf einerseits und zur Bebauung frei gegebenen Küstenabschnitten andererseits. Beispiel: Die Bodrum Halbinsel bekam einen Freibrief für touristische Projekte und wurde mehr oder weniger umgepflügt. Ein paar Meilen weiter südöstlich, der Gökovagolf, blieb dagegen eine unberührte Meereslandschaft. 2. Umweltschutz wird groß geschrieben. Nirgendwo gibt es so strenge Vorschriften z. B. über den Einsatz von Toiletten- und Schmutzwassertanks auf Yachten und Gulets wie in der Türkei. Gäbe es diese nicht, wären die traumhaften Golfe und versteckten Buchten längst durch Überdüngung zerstört und kein Mensch würde mehr dort schwimmen oder tauchen wollen.

Der Golf von Gökova ist heute noch genau so unverdorben wie vor 25 Jahren. Bäume wachsen bis zum Wasser und - welche Überraschung - ich fand den gleichen Stein mit Egons blauer Markierung wieder, die er in den frühen Achtzigern zum Festmachen der Landleine mit dem Pinsel drauf gemalt hatte. Manchmal treibt es mir die Tränen in die Augen, wenn ich in eine Bucht komme, die ich mehr als 10 Jahre nicht mehr besucht habe und alles ist noch genauso unberührt wie seinerzeit. Das ist ein harika wie die Türken sagen, ein Wunder!

Bevor ich mich nun gänzlich in Verzückung verliere, will ich mein Lieblingsstück benennen, das genau zwischen dem Bauchnabel der Westküste und ihrem Halsansatz liegt - gewissermaßen da, wo auch eine Frau am schönsten ist. Die Bodrumhalbinsel ist für mich der Busen, Gümüslük die Brustwarze. Weiter südlich, bauchnabelabwärts - um im Bild zu bleiben - ist das Revier für mich zu heiß. Wie Bobby Schenk schon fand, ist der Golf von Fethiye ein Traumrevier - aber seglerisch ohne allzu große Aufregung. Je weiter man nach oben kommt, desto mehr geht die Post ab. Da ist das Meer offener, die Luft frischer, der Wind handiger - der Segelbusen wird gehoben.

Vielleicht sollte eine Liebeserklärung an ein Segelrevier nicht unbedingt als erotische Variation daher kommen. Andererseits: warum eigentlich nicht? Die weichen Rundungen der Felsen, die tiefen Einschnitte der Golfe, die märchenhaften Ankerplätze im Verborgenen, man muss schon ein rechter Dingens sein, wenn einem da nicht manchmal die Luft weg bleibt.

Jedesmal wenn ich aus Marmaris hinaus segle und die weite Bucht hinter mir lasse, atme ich auf und freue mich auf den Kreuzkurs in der Straße von Rhodos. Das ist schon was! Am Spätnachmittag kann ich mich entscheiden, ob ich zu Ali in die Aplothekabucht einlaufe oder im nördlichen Flügel der Spatzenbucht (Serçeliman) frei ankere. Der Wind pfeift manchmal nachts mit Macht von den Felsen herunter. Da ist es besser, man schwojt um den Anker herum, als mit Heckleine genau quer im Wind zu liegen und Druck von der Seite zu haben.

Ein Wort zu Ali Çoban, der Buschkneipe in der Aplotheka-Bucht. Dort ankerte man früher ganz allein und es gab weit und breit nichts außer einem Oktopot, den man mit der Harpune selbst erlegen musste. Später kam Ali Çoban und baute eine kleine Hütte, weitab von jeglicher Strom- und Wasserversorgung. Sein Angebot war so schlicht wie gut: täglich frisch gefangener Fisch und selbst gebackenes Brot aus dem Holzreisigofen. Alles andere musste er mit dem Esel vier Stunden über den Berg von Bozburun herbeischaffen.

Von Anfang an haben sich Chartercrews über ihn aufgeregt und Alis Kneipe als überteuert beschimpft. Natürlich zahlt man bei ihm mehr als in Lales Restaurant in Bozburun, denn jeder Tropfen Wasser (zum Spülen des Geschirrs und das zum Trinken), von Raki, Wein, Cola, Sprite und Fanta ganz zu schweigen, muss über den Berg! Von denen, die sich in Leserbriefen an die YACHT beschweren, denkt keiner über diesen Umstand nach. Hoffentlich wird Ali Çobans Platz, der so urtümlich und weltfern ist, nicht kaputt geredet.

Ein exotischer Platz ist die Bucht ohne Namen hinter dem Kuyulu Burun im Golf von Hisarönü, unter Eingeweihten Bigfoot genannt. Ich verankere das Boot mit Buganker und langer Heckleine zu einem Baum so, dass es genau unter der Tuffsteinwand zu liegen kommt. In der Mitte der Wand steht unten am Wasser ein Felsen, der wie ein großer Fuß aussieht, mit Sohle und vier Zehen. Der fünfte muss ihm bei einem Erdbeben abhanden gekommen sein.

Diese Bucht wird in der Dämmerung lebendig. In der Felswand beginnt es zu rumoren: Affengesichter tauchen auf, die Dementore von Askaban treiben ihr Unwesen und je nach Licht und Stimmung tritt auch schon mal ein Tuffstein-Phallus hervor. In der Bucht gibt es weder Kneipe, noch sonst eine Versorgung. Man knabbert Nüsse und Käse, beisst auf Oliven, trinkt einen Schluck Raki und kann dafür - meist ganz alleine - das Dämmerschauspiel in der Wand als Abendvorstellung genießen.

Kreuzt man westlich aus dem Burgengolf (Hisrönü Körfezi) hinaus, kommt man nach Datça und 15 Meilen weiter zum windumtosten Kap von Knidos. An den steilen Felsen des Kaps hat in alten Zeiten schon mancher Kapitän sein Schiff verloren, Wracks vor dem Kap belegen dies. Bei hartem Meltemi steht der Strom, der die Küste hinauf läuft, gegen den Wind. Dann ist es wie bei ablaufender Tide und auflandigem Wind in der Elbmündung: es geht hoch her.

Einige Chartercrews, die dies nicht wussten, riefen am Freitagnachmittag ihre Station in Bodrum an und meldeten verzweifelt, dass man sie doch bitte mit dem Auto abholen solle, sie kämen nicht ums Kap herum - am nächsten Morgen um 6:30 Uhr ging ihre Maschine. Zähneknirschend mussten die Mitarbeiter der Charterbasis mit dem Minibus via Marmaris und Datça nach Knidos fahren, um die Leute zum Flughafen zu bringen und das Boot sicher nach Bodrum zurück zu führen. Daraus lernen wir: Niemals am letzten Tag vor der Bootsrückgabe in Knidos bleiben - es könnte hackig werden. Besser einen Reservetag einplanen und schon mittwochs vor der Rückgabe Knidos runden.

Über Knidos, die berühmte Stadt der Antike, gibt es viele Geschichten. Die schönste ist eine erotische um die Liebesgöttin Aphrodite und einem verliebten Jüngling. Doch die erzähle ich hier nicht. Neugierige Crews, die im antiken Hafen der Ausgrabung ankern, mögen sie selbst heraus finden. Ein Tipp: Der Mann mit der Mütze, auf der "Müze" steht, was auf türkisch Museum heißt, verkauft großformatige Ausgrabungspläne, auf der die pikante Geschichte erzählt wird.

Von Knidos geht es in den Golf von Gökova, dem Herzstück der türkischen Westküste. Hier ist mein Zuhause, hier liebe ich jede Bucht, jeden Baum, jeden Stein. Hier könnte ich an jeden Einschnitt eine Ode richten. Die Çati-Bucht an der Südküste ist eine von vielen im Golf, in denen sich seit Jahrhunderten nichts verändert hat. Keine Straße, kein Hotel, kein Auto und kein niemand ist hier. Nur ein Fischer, der hinaus tuckert und manchmal mit Fisch zurück kommt und ihn ans Boot bringt.

Von hier sind es nur einige 100 Meter über die schmale Landzuge bis zum südlichen Hisarönügolf. Gäbe es einen Durchstich, einen schmalen Kanal wie in Holland hunderte das Land durchziehen, die Fahrt nach Süden wäre ein Kinderspiel, den Weg um Knidos herum, alles zusammen an die 40 Meilen, könnte man sich schenken. Als die Perser kamen, wollten die Leute von Knidos in der Tat einen solchen Kanal bauen. Doch das befragte Orakel, längst bestochen, orakelte dagegen. So müssen wir heute noch immer um Knidos herum kreuzen, was manchmal freilich auch ein seglerisches Schmankerl sein kann.

Das Einmalige an der türkischen Westküste ist, dass zwischen Rampazampa, z.B. in Bodrum, wo nachts der Bär los ist, und der stillsten Bucht, wo nachts nur der Mond leuchtet, nicht viele Meilen liegen müssen. Gleich süd- oder westwärts umfängt uns Stille und wohltuende Gelassenheit - vorausgesetzt wir wollen dies. Natürlich gibt es auch Buchten, wo es bis weit nach Mitternacht rumort, besonders in den Urlaubsmonaten Juli und August. Mein Tipp: man meide die in den Buchtenführern hochgelobten Plätze wie Çökertme mit Irbrahims Restaurant oder Türkbükü, das als neuer türkischer Jetset-Treff gilt. Besser suche man sich einen Ankerplatz für die Nacht nach eigenem Gusto. Es gibt unzählige, die in keinem Handbuch stehen und trotzdem sicher und friedlich sind. Zumindest in den Sommermoanten.

An dieser Stelle ein Wort zu den Gulets, viel geschmäht, oft mit Vorurteilen überschüttet. Es gibt die Vollgasfahrer, die weder Vorfahrtsregeln noch Rücksichtnahme kennen wie überall. Die meisten Guletkapitäne, die ich kenne, sind Männer, die ihre Sache verstehen, die mehr Kenntnis von Küste und Wetter haben, als jeder Bareboatcharterer, der nur einmal im Jahr als Skipper antritt. Wieviele Yachten wurden schon von Guletmannschaften vor Schwierigkeiten bewahrt? Unzählige! Ich erinnere nur an die Guletcrew, die ins Wasser sprang, als in Knidos plötzlich einsetzende Fallböen eine kleine Yacht auf die Steine der antiken Mole zupeitschten. Das Boot wurde gerettet, während die Crew weinselig in der Kneipe saß und Lieder sang.

Gulets sind traditionelle türkische Holzschiffe, die in den letzen Jahren gewaltig verbessert wurden. Sowohl was Bauweise und Komfort betrifft, als auch Segeleigenschaften und Service an Bord. In Bodrum wurde mit Spendengeldern ein wunderschöner Zweimastschoner von über 30 Metern nach klassischen Vorbildern als Schulschiff gebaut. Die jungen Gulet-Kapitäne und -Mannschaften, die auf diesem Schiff ausgebildet sind, haben mit den alten Seilschaften der ehemaligen Fischer- und Schwammtaucherboote nichts mehr zu tun. "We try harder" heißt das Motto der neuen Generation, die getrimmt durch Schulschiff und Gulet-Regatta Blaue Reisen von Bodrum aus angebietet. Die besten Gulets werden übrigens in Bodrum gebaut und die besten Crews kommen aus der Bodrumer Gegend.

Die Brustwarze der Küste, mein Geheimtipp, ist ein Zauberplatz. Tagsüber ist er nicht besonders anziehend, erst am Abend entfaltet sich sein Flair. Gemüseglück. Der Name ist eingedeutscht, weil wir Nordlichter uns Gemüseglück leichter merken können als Gümüslük. In der Antike hieß der Ort Myndos. Er liegt in der Mitte der Westküste der Bodrum-Halbinsel, da wo der Wind von Patmos über das offene Meer auf die Küste weht. Im Sommer ist es hier bis zu 8° kühler als im landumschlossenen Bodrum.

Gümüslük alias Gemüseglück ist eine Bucht mit 20 Fischlokalen und ganz viel Abendcharme. Man ankert entweder in der Mitte frei mit viel Kette. Oder legt am kleinen Gemeindeanleger an, wo es auch Wasser und Strom gibt. Manchmal fegt in der Dämmerung ein gemeiner Wind von den Bergen schräg auf die Steglieger. Dann schleifen die Anker und die Fender quitschen. Bei kantigem Wetter bevorzuge ich deshalb freies Ankern in der Buchtmitte.

Im Fenerçi Restoran, da, wo man zu Fuß durchs Wasser zur Haseninsel hinüber waten kann, ist der beste Platz, um die Sonne hinter Kalymnos ins Meer fallen zu sehen. Danach ist es Zeit, um zum gemütlichen Teil des Abends überzugehen. Hüseyin, der Koch stammt vom Schwarzen Meer und seine Spezialität ist Fischpfanne mit Zackenbarsch. Ich sage nicht, das es der beste Fisch ist, den ich je gegessen habe, wer kann das schon so genau sagen! Aber er ist köstlich. Und Hüseyins Vorspeisen, die hier wie überall mezeler heißen, tragen dazu bei, dass der Name Gemüseglück seine Krönung findet.

Es war Zufall, der mich an die türkische Westküste brachte, als ich in die Südsee und um die Welt segeln wollte. Doch kaum war ich hier, änderte ich alle meine Pläne - Allahseidank, ich habe es nicht bereut. In der Südsee mag es schön sein. Hier an der türkischen Westküste, davon bin ich knidosfelsenfest überzeugt, ist es entschieden schöner.

Revier-Infos:
Nach Jahren der Krisen (PKK, Erdbeben) ist die Türkei wieder im Aufwind. Beliebt ist das Revier wegen der hervorragenden Segelbrisen an der Westküste (besser als im Süden) und des Kontrastes zwischen hervorragender Infrastruktur (beste Marinas des Mittelmeeres!) und der unverbauten Küstenabschnitte in den Naturschutzgebieten, in die man mit der Yacht hinein segeln kann. Die vielen antiken Stätten sind ein weiterer Anziehungspunkt. Beliebt ist das Revier auch wegen des hohen Niveaus der Charterflotten, die, anders als in Griechenland, besser in Schuss gehalten werden. Qualifizierte türkische und ausländische, insbesondere deutsche Stationen, bieten Full-Service und guten Standard der Boote.

Dank der Flughäfen Bodrum, Dalaman, Izmir und Antalya sind Verbindungen von allen europäischen Städten ins jeweilige Törngebiet möglich. Allerdings fliegen viele Charterer nicht mehr samstags, sondern dienstags oder donnerstags, was den Charterrhythmus durcheinander bringt. Hier müssten die Charterfirmen gemeinsam auf die Flugpläne der Fluggesellschaften einwirken.

Charterzentrum für die Westküste ist Bodrum, wo die Stationen Pupa (über Argos) und Yildiz-Yachting ihre Flotten stationiert haben. Von Bodrum kann man Törns nach Norden in den Güllükgolf bis nach Kusadasi und Çesme hinauf segeln (Highlight Ephesus). Oder auch in die Naturschutzgolfe Gökova und Hisarönü bis nach Marmaris. Von Marmaris werden Yachten in umgekehrte Richtung gechartert. Nur Pupa bietet Oneways zu eigenen Stationen in Bodrum, Marmaris und Göcek. Abstecher nach Griechenland werden wegen der Einreisesteuer dort und des damit verbundenen Zeitaufwandes fürs Ein- und Ausklarieren von der Türkei aus nicht empfohlen.

Wind und Wetter: Wer richtig segeln will, bevorzugt die Westküste. Hier gibt es mehr Wind, auch in den Golfen. Je weiter man nach Norden kommt, um so windreicher wird das Revier. Im Hochsommer (Mitte Juni bis Mitte September) ist Meltemizeit (Meltemi von beltempo = schönes Wetter), der an der türkischen Küste abgebremst durch Kaps und vorgelagerte Inseln, zu ertragen ist und Kühlung bringt. Im Frühjahr und Herbst muss mit Gewittern und Südostwinden (Lodos) gerechnet werden. Alle Sommerankerplätze sind dann unbrauchbar!

Ankern und Festmachen mit Schwimmleine! Wer einmal erlebt hat wie erschöpfte Crews versuchen mit Dingi und nichtschwimmender Leine, eine Yacht gegen Seitenwind an einem Baum oder Felsen festzumachen, achtet darauf, dass zum Boot eine mindestens 30 m lange Schwimmleine gehört. Die schwimmt ein Crewmitglied aus, macht sie drüben fest, kommt mit dem anderen Ende in die Buchtmitte zurück... erst dann fällt der Anker, der Rudergänger fährt rückwärts und holt das Ende der Leine mit dem Bootshaken an Bord, setzt durch und belegt - fertig.

Wichtig beim Ankern: Anker rückwärtsfahrend fallen lassen und die Kette sauber auslegen. Am Ende des Manövers mit voller Kraft den Anker in den Grund ziehen und prüfen, ob er hält (Peilung muss stehen). Wenn er nicht hält, Manöver wiederholen. Viele Chartercrews gehen davon aus, dass der wenige Wind beim Manöver so bleibt. Nachts kann er jedoch plötzlich mit Gewalt von den Bergen fetzen. Dann ist drei- bis fünffache Kettenlänge viel zu wenig und ein nicht eingefahrener Anker geht auf Trift.

Festmachen in den Marinas. Die "Gassen" zwischen den Stegen sind oft sehr eng. Hat man Seitenwind und muss in eine Lücke eindrehen, die zur Schraubendrehung ungünstig liegt, kann man sein blaues Wunder erleben. Deshalb grundsätzlich rückwärts in die schmale Gasse hinein fahren und mit der Fahrt und der Ruderwirkung, die man hat, jede, auch die gemeinste Lücke, zielsicher ansteuern.

Macht man in Knidos am Holzsteg vor dem Restaurant fest, unbedingt sehr viel Kette stecken. Der Grund hält schlecht weil wenig Sand auf viel Fels und nachts fetzen manchmal gemeine Böen von den hohen Bergen breitseits auf die Yachten am Steg. Nur wer viel Kette gegeben hat, hat die Chance, diese Hammerböen zu überstehen.


YACHT INSIDER TIPPS
Von Orhaniye im Hisarönügolf per pedes oder mit dem Taxi/Minibus zu den Wasserfällen zum Schwimmen in eiskaltem Wasser - und anschließendem Forellenessen im Restorant am Fall.

Neben der traumhaft gelegene Marti-Marina am Eingang der Orhaniyebucht bietet Zuhals Restaurant unter Pinien direkt am Wasser Köstlichkeiten der türkischen und internationalen Küche. Zuhal experimentiert gerade an einer neuen Delikatesse, die es nur noch in Istanbul gibt und die der dortige Rezeptbesitzer Hasan nicht verrät: Erdbeermarzipan.

Zum Wochenmarkt am Samstag nach Datça. Die Bauern der Umgebung verkaufen alles, was das Land bietet: pralle Auberginen, dicke Zuccini, saftige Pfirsiche, süße Tomaten. Dazu jede Menge originelle Motive für die Kamera.

Mit Yasar und seinem Minibus (vom rechten Holzsteg in Karaca Sögüt hinten im Golf von Gökova) zum Çinar Restaurant Richtung Kleopatra Insel unter riesigen Platanen mit Bächen, Teichen, Enten und dem originellsten türkischen Essen, das ich kenne (günstige Preise!)

Pfeffermühle als Mitbringsel. Die kleinen Mühlen aus Messing sind die besten der Welt. Man kann das Mahlwerk mit einer Schraube verändern und erhält feinsten oder gröbsten Pfeffer, ganz nach Geschmack. Kosten: ca 3 bis 4 Euro auf jedem Bazar. Pfeffer nicht vergessen!

An jeder Ecke: Gözleme, ein auf großem schwarzen Rundgasherd gebackene sattmachende Fladenteigtasche mit unterschiedlicher Füllüng: Käse, Hackfleisch oder Spinat. Dazu ein ayran, ein erfrischendes Yogurtgetränk.

In Bodrum zu Güray und Hasan ins El Vino. Das ist ein Weinrestaurant mit eigenem Weinanbau in Thrakien. Güray ist Architekt, Hasan Arzt - beide lieben Wein. Weil ihnen der türkische Wein nicht gut genug war, kauften Sie einen Weinberg, lernten Weinanbau und bieten in ihrem Restaurant-Hotel in der Pamili Sokak eigenen organisch hergestellten Rotwein, selbstgemachten Käse und selbstgebackenes Brot an. Ein echter Geheimtipp.



YACHT-Korrespondet und Oneway-Berater Udo Hinnerkopf hat mit vielen Berichten das türkische Segelrevier bekannt und beliebt gemacht. Seit 1986 lebt er in Bodrum. Im Lauf der Jahre hat er über 300 Törns mit den unterschiedlichsten Crews absolviert: an der türkischen Küste, in der griechischen Inselwelt - und in anderen Revieren der Welt. Einige seiner Törnberichte in der YACHT:
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