Der Insider

Illegale Einwanderer im Dodekanes
25.8.08 - berichtet von Elke, SY AQUARIUS

Beim Einlaufen in den Hafen der kleinen Dodekanes-Insel Gaidaros waren wir viel zu beschäftigt, um uns genau umzusehen. Endlich lag unser Boot fest, wir saßen mit dem obligatorischen Anlegerschluck im Cockpit und sahen uns um. Auf den ersten Blick hatte sich nicht viel verändert, obwohl vier Jahre seit unserem letzten Besuch vergangen waren. Ein paar wenige neue Häuser, ein bisschen Strandbetrieb - mehr nicht, die verschlafene Atmosphäre war geblieben. Was uns jedoch dann auffiel war eine größere Gruppe von Menschen, die uns gegenüber auf dem Fährkai herumsaß oder –lag, Männer, ausschließlich Afrikaner und Araber. Das hätte ein Bautrupp sein können, der auf die Abendfähre wartete... oder? Waren das vielleicht doch illegale Einwanderer, von denen man hier im Grenzgebiet zwischen der Türkei und Griechenland so viel hört? Sie beachteten uns kaum, als wir an ihnen vorbei ins Restaurant gingen.

Dort kamen wir mit einigen einheimischen Gästen ins Gespräch. Was wir dabei erfuhren, verschlug uns schier die Sprache. Fast jeden Tag würden illegale Einwanderer mit Booten ankommen, die der Inselpolizist aus den entlegensten Buchten der Insel einsammeln und zum Fährhafen bringen müsste. Schon um die 1.000 Menschen seien es allein in diesem Sommer schon gewesen. Ein riesiges Problem für die kleine Insel, stöhnte einer unserer Gesprächspartner. Die Menschen würden mit der Abendfähre nach Samos gebracht, wo sie in einem Auffanglager auf ihren Weitertransport nach Athen warten müssten. Dort erfolge dann das übliche Procedere mit Asylantrag und dessen Annahme oder Ablehnung und ggf. Abschiebung. Wie alle diese Leute auf die kleine Insel kämen wusste niemand zu erklären, zumal es auf Gaidaros schon seit Jahren eine kleine Militärstation und eine Anlegestelle für das Boot der Küstenwache gibt.

Abends konnten wir vom Cockpit aus beobachten wie kurz vor der Ankunft der Fähre zwei Griechen die rund 40 Menschen zusammentrieben - sie mussten auf dem Boden sitzend ausharren, bis alle Autos und Menschen von der Fähre herunter und die Abreisenden an Bord waren.
Dann wurden sie über die Laderampe getrieben. Freundlich war der Umgang mit diesen Menschen nicht, auch nicht höflich. Auf uns wirkte es wie wenn eine Herde Vieh zusammengetrieben würde. Der Gegensatz zu den längsseits liegenden Yachten hätte nicht größer sein können. Wir Segler schämten uns unseres zur Schau gestellten Wohlstands. Wir sprachen auch mit anderen Crews, die genauso erschüttert waren wie wir. Der Kai war nun wieder so leer, aber die Stimmung war niedergedrückt und deprimiert.

Früh am nächsten Morgen dann der gleiche Anblick: diesmal wartete eine noch größere Gruppe von über 50 Menschen auf der Pier; auch einige Frauen waren dabei, und ein Kleinkind auf dem Arm seiner Mutter. Wie sie in der Nacht gekommen waren hatten wir nicht mitbekommen. Die Crew einer anderen Yacht erzählte uns, dass sie gegen 3.30 durch ein kleines, unbeleuchtetes Boot wach geworden waren, das leise, aber doch hörbar in den kleinen Hafen eingelaufen sei. Es hätte nicht angelegt, sondern die Leute mussten die letzten Meter zum Land schwimmen, das Boot sei dann sofort wieder verschwunden. Die nassen Kleider der Menschen hingen über dem Geländer bei der Kaimauer. Den ganzen Tag verbrachten sie nun, teils in der prallen Sonne sitzend, teils liegend im spärlichen Schatten. Am späten Nachmittag kam das Boot der Küstenwache und legte am Platz der Fähre an. Wieder wurden die Menschen zusammengetrieben und auf das Boot gebracht. An Bord gab es keinen freien Platz mehr an Deck: Vorschiff, beide Seitendecks und das Achterdeck waren voll besetzt. Das Küstenwachboot sah nun selbst wie ein Boatpeople-Boot aus. Es legte ab und verschwand um die Einfahrtshuk.

Das alles so hautnah an einem so verschlafenen Platz mitzuerleben war ein Schock für uns. Diese Menschen waren wahrscheinlich nicht die allerärmsten in ihren Ursprungsländern gewesen, immerhin mussten sie die Schlepper bezahlen. Möglicherweise hatten sie nicht unbedingt aus Not, sondern als Wirtschaftsflüchtlinge ihr Land verlassen - sie waren alle sauber gekleidet und verhielten sich ruhig und gleichmütig.

Sicher, es ist unmöglich, sie alle in Europa aufzunehmen und ihnen Arbeit zu geben. Für den Inselpolizisten ist es ein undankbarer Job, sie aus den Buchten der Insel zu holen und dafür zu sorgen, dass sie abtransportiert werden. Eine winzige Insel wie diese, die im Sommer auf florierenden Tourismus angewiesen ist, hat mit den ungeladenen Gästen ein Riesenproblem. Trotz alledem sind es Menschen, die mit einem Mindestmaß an Respekt und Höflichkeit behandelt werden sollten.

Wie all dies überhaupt möglich ist, woher die Schlepper kommen, die mit ihren überfrachteten Booten sicher ein Heidengeld verdienen, wieso sie sogar mitten in einen Hafen einlaufen und die Leute abladen können und warum dies niemand verhindert, wissen wir nicht.

Vielleicht ist es ganz gut, dass Segler und Urlauber einmal mit dieser Situation konfrontiert werden. So wird uns nicht nur bewusst, wie gut wir es haben, wir sind vielleicht sogar bereit, uns für Organisationen zu engagieren oder wenigstens zu spenden, die die Lebensumstände der Menschen in ihren Ursprungsländern verbessern sollen. Und geben wir es ruhig zu, nicht nur aus Mitleid, sondern auch in unserem eigenen Interesse.



Und hier der Bericht von Rainer J. Gottschling aus Baden-Baden:

Bei meinem Augusttörn zwischen Kusadasi und Turgutreis, haben wir nach Samos die kleine Insel Agathonisi (Gaidaros) angelaufen. Es bot sich das gleiche Bild, wie in Elkes Bericht beschrieben. Auch wir hatten zuerst die Assoziation von Bauarbeitern etc. Die vielen Rettungsboote in der Nachbarbucht
und ein ausgebranntes Bootwrack puzzelten sich nach und nach zu einem Gesamtbild.

Die 30 Menschen wurden dann auch nach zwei Tagen in beschriebener Weise abgeholt. Viel schockierender als die sichtbaren Umstände waren die Schilderung einer deutschstämmigen Gastwirtin am Fähranleger. Die Bevölkerung sei seit
Jahresbeginn mit ca. 2000 Flüchtlingen konfrontiert. Diese sind nicht mehr wohlgelitten, sondern werden barsch der Tür verwiesen. Die anfängliche Hilfsbereitschaft ist einer massiven Ablehnung gewichen. Die Flüchtlinge werden als arrogant und fordernd beschrieben. Viele haben keinerlei geografische Vorstellung wo sie sich befinden, sondern wähnen sich bereits auf dem europäischen Festland.

Bei meiner Rückkehr nach Samos habe ich in Pythagoreion in einem Plausch mit dem Hafenmeister vom Dienst das Thema Flüchtlinge angesprochen. Ungeprüft war dessen Aussage noch schockierender: Es existiert ein Sammellager auf Samos (engl. concentration camp). Der Ansturm von Flüchtlingen gehe in die Tausende. Die Behörden seien dazu übergegangen die Flüchtlinge mit provisorischen Papieren zu versehen und
mit der Verpflichtung innerhalb zweier Monate auszureisen, würden diese in der Nähe von Athen "ausgesetzt".

In den Städten Patras und Igoumenitsa sind diese Menschen dann nach meiner eigenen Anschauung bei einem Törn um Korfu und durch den Golf von Patras in unfertigen Hotels und bei dem allnächtlichen Versuch über Lkws auf die Fähren zu gelangen zu beobachten. Im Sommer wird auf den Italien-Fähren der griechischen Reedereien nach Aussage eines Kapitäns ein Offizier auf dem Vordeck positioniert, um ein Überfahren von schwimmenden Flüchtlingen zu verhindern. Die Vermeidungsstrategie erläuterte er mit den langwierigen Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft und dem damit verbundenen Ausfall von Fahrtzeiten.

Es friert einem im heißesten Sommer. Meine hilflosen Versuche, nach Diskussion mit meinen Kindern und der Crew, mit Keksen auf Agathonisi das Leid zu lindern, scheiterten an der
Abschirmung der Militärposten bzw. durch die Küstenwache.

Aqua Aureliae, Hochseesegler Baden Baden, R. J. Gottschling auf AURELIA I


Ich habe dies geschrieben, damit andere Segler ein ganzes Bild erhalten bzw. es sich machen können. Auch mir ging erst nach und nach ein Licht auf. Wer hat diese Seite des Flüchtlingsdramas in den letzten Jahren so weiträumig durchsegelt, um sich ein ganzes Bild davon machen zu können.

Die Absicht ist durch Öffentlichkeit Umdenken und Änderung zu befördern und es nicht bei Entschuldigung und Zuflucht zu belassen... Die Maßnahmen in den Ausgangsländern sind angekurbelt. Das Auswärtige Amt hat anscheinend Mittel zur Aufklärung an die betroffene Staaten verteilt. Mir scheint hier aber noch größere Anstrengung und Druck auf unsere Behörden nötig. R.J.G.

AIS-Kontrollsystem ab 2009?