Der Insider



Stempeln zwischen Europa und Asien
13.8.2004

Nachdem Griechenland die Einreisesteuer Ende 2003 auf Drängen der Europäischen Kommission gekippt hat, drängt es Türkei-Segler wieder öfter in die Ägäis und umgekehrt: Charterer aus Rhodos und Kos planen auch mal einen Abstecher in den Orient - die Türkei. Über das aktuelle Procedere des Grenzverkehrs berichtet der Türkei-Insider.

Wir haben uns einen Törn vorgenommen, bei dem alle Feinheiten des Ein- und Ausklarierens in beiden Ländern vorkommen sollen. Zeitraum Juli 2004, Start in Bodrum. Die Route soll über Kos, Nisyros, Thilos, Chalki, Rhodos nach Kastellorizon führen und von dort zurück in die Türkei via Kas die Küste hinauf bis nach Marmaris.

Das Ausklarieren in Bodrum dauert etwa eineinhalb Stunden und geht folgendermaßen vonstatten: Zunächst fülle ich im Transitlog das Yachts Departure from Turkish Ports-Blatt aus (Namen und Passnummern der Crew und Zielhafen Kos) und marschiere damit zum Gebäude des Hafenarztes im Südteil des Hafens, erkennbar an der gelben Flagge. Dort werden die Daten der Yacht und des Schiffes im Computer erfasst und das Transitlog abgestempelt. Nächste Station Passpolizei. Eine freundliche Polizistin lässt mich eine Crewliste ausfüllen, derweil sie die Eingangstempel (giris) in den Pässen und per PC, die polizeiliche Unbescholtenheit der einzelnen Crewmitglieder überprüft. Dann drückt sie den Ausgangstempel (gidis) in die Pässe, stempelt das Transitlog auf der ersten Seite ab und behält die Crewliste sowie ein Kopieblatt des Transitlogs.

Dritte Station: der Hafenmeister neben dem Mudo-Laden am Cafehausplatz. Dort muss ich länger warten, vier Gulet-Kapitäne deklarieren ihre Schiffe mit neuen Gästen zur Ausfahrt. "We leave to Kos", erkäre ich schlie§lich. Der schmächtige Hafengewaltige stempelt das Transitlog und stellt mir einen Beleg über 12 Mio TL (ca EUR 7) aus, da unsere Yacht größer als 10,5 t ist; kleinere Yachten zahlen nichts. Letzte Station ist der Zoll (gümrük) neben der Passpolizei auf der Hafenmole. Ein mürrischer Beamter überprüft die Inventarliste auf dem Transitlog und knallt dann einen Stempel auf das Papier. Eine Kopfnicken - fertig. Wir können starten. Das heißt: noch nicht, denn vorher musse noch die Liegegebühr für zwei Tage in der Bodrum Marina bezahlt werden.

Die Überfahrt verläuft ereignislos. In der Passage zwischen türkischer Küste und Kos wechseln wir die Gastlandflagge: Halbmond auf rotem Grund gegen blaue Streifen mit Kreuz, und setzen die gelbe Flagge Q dazu - Q wie Quarantäne, was bedeutet "wir wollen einklarieren". Da wir nicht in Kos bleiben, sondern gleich nach dem Einklarieren nach Nisyros weiter wollen, laufen wir nicht in die neue Kos Marina ein, sondern den alten Hafen an, der links nach der Einfahrt eine Pier für Yachten hat. Nicht wenig erstaunt sind wir, als auf eben dieser Pier eine unglaublich hübsche junge Griechin in weißen Jeans und hellblauem T-shirt unsere Leinen annimmt und fachgerecht auf den Pollern belegt. Wouh! Normalerweise fallen Griechinnen nicht bei Hilfsdiensten dieser Art auf. Das Geheimnis lüftet sich beim Dankesagen: Unmissverständlich macht sie uns klar, dass wir zum Zahlen der Liegegebühr an den Kiosk der Kos Marina beim Fähranleger kommen sollen. Die Marina hat also auf der Pier, die nicht zum Marinagelände gehört, eine Gebührenstation eingerichtet, um Yachten, die hier anlegen, etwas abzuknöpfen. Für die drei Stunden, die wir bleiben, zahlen wir 50% der offiziellen Marian-Gebühr für eine Nacht. Die nette Leinenfängerin handelt also komerziell - Griechenland lässt grüßen.

Obwohl wir Sonntagnachmittag haben, hat die Passpolizei am Fähranleger offen. Das entschädigt uns, die Wartezeit entfällt. Der zivil gekleidete Beamte ist freundlich, lächelt sogar. Die Pässe werden kontrolliert, ich fülle eine Crewliste aus, die abgestempelt und uns für den Besuch beim Hafenamt mitgegeben wird. Dieses liegt an der Südseite des Hafens in einem etwas rückwärts gelegenen großen Gebäude mit Nationalflagge und dem blauen Schild Port Authority of Kos.

Im ersten Stock gebe ich einer weiß uniformierten Dame die Mappe mit den Schiffspapieren, die mir der türkische Vercharterer mitgegeben hat. Dass das Schiffszertifikat nur als Fotokopie dabei ist, missbilligt sie: "Next time you come here, you should have it!" Außerdem will sie die Versicherungspapiere sehen und das Call-Zeichen der Yacht wissen. Mit der Versicherung kann ich dienen, mit dem Call-Zeichen nicht - die Charteryacht hat keines.

Sie trägt die Einreise in ein dickes Journal ein, und gleichzeitig, da wir heute noch weiter wollen, die Ausreise in ein anderes. Ob die Crew die gleiche sei? Ich nicke. Ob ich die Marinagebühr bezahlt habe? Ich nicke wieder. Sie füllt das großformatige Pleasur Craft Traffic Document
aus.

Das 8-seitige Papier hat 100 Stempelfelder, jeweils zwei für einen Hafenbesuch - eines für den Stempel beim Ankommen und eines für den Stempel beim Abfahren. Das gilt für jeden griechischen Hafen, sagt sie; wenn der Hafenmeister es verlangt, ergänze ich in Gedanken. Das Papier ist so lange gültig bis es voll ist, fährt sie fort, dann sei ein neues zu kaufen. Die Gebühr beträgt € 29,35. Außerdem muss ich zweimal 0,88 Cent für das Abstempeln des Ankommen- und des Ablegen-Feldes zahlen. Für jede Gebühr bekomme ich einen eigenen Beleg. Das gesamte Procedere mit Schreiben aller Belege und Eintragungen dauert 40 Minuten. "Take the yellow flag down", sagt die Süße zum Abschied. "You are free to go!"

In Nisyros, Thilos und Chalki lässt sich kein Hafenmeister blicken. Also bleiben die Stempelfelder im Pleasur Craft Traffic Document ungestempelt. In Lindos liegen wir vor Anker - da interessiert sich ebenfalls niemand für uns. In Madraki-Hafen von Rhodos finden wir, weil Donnerstag, einen Liegeplatz bis Freitagfrüh um 11 Uhr, auf dem Platz einer örtlichen Charteryacht. Wir zahlen € 15 Liegegebühren beim Marina-Office in der Südostecke des Hafens. Gleich nebenan ist die Port Authority of Rhodos. Bernd, der den Co-Skipper macht, füllt dort eine Crewliste aus und dann wird tatsächlich das Pleasur Craft Traffic Document gestempelt - für Anlegen und Ablegen gleichzeitig. Dafür entrichtet er eine Gebühr von € 7,45 inklusive V.A.T.

Pünktlich um 11 Uhr am nächsten Vormittag legen wir ab und erreichen Kastellorizon, die südöstlichste aller griechischen Inseln, nach einer gemächlichen Nachtfahrt, früh am nächsten Morgen. Wir ankern zunächst in der Lagune zwischen den kleinen Inseln vor dem Hafen und verholen erst kurz vor Sonnenuntergang zur Tavernenpier im Ort. Das Ausklarieren am nächsten Morgen nach Kas geht kurz und schmerzlos: die Hafenpolizei kontrolliert die Pässe und verlangt eine Crewliste. Ein- und Auslaufen werden im Pleasur Craft Traffic Document gestempelt, auf die Gebühr dafür verzichtet - vielleicht weil Sonntag ist.

Gegenüber in Kas, nur drei Meilen von Kastellorzion entfernt, holt uns der Sonntag dann aber ein. Kaum haben wir angelegt, begrüßt uns Adem Aydin und stellt sich als Harbour Manager vor. "Today holiday", erklärt er strahlend und bedeutet uns, dass wir zwar beim Hafenarzt, beim Hafenamt und bei der Passpolizei einklarieren könnten, nicht aber beim Zoll, die Herren seien beim Angeln. Aber wenn wir wollen, könne er telefonieren und den Zollchef herbeirufen. Natürlich wollen wir, unser Tagesziel ist Kalkan, noch ein Stück weiter die Küste nach Westen.

Aydin zieht ein Transitlog aus der Tasche und verkauft mir dies für € 30 mitten auf der Straße. Im eisgekühlten Büro des Hafenmeisters fülle ich das Papier aus, trage Crew, Kaptan und Schiffseigner sowie unser Reiseziel Marmaris ein. Der Hafenmeister drückt seinen Stempel darauf, behält eine Kopie für sich und wir sind entlassen. Beim Hafenarzt dauert es länger - er hat die Yacht noch nicht in seinem Computer gespeichert. Bei der Passpolizei geht es wieder flott: Kontrolle der Pässe, Stempel - fertig. Wahrscheinlich wollen alle zum Fernseh-Fußball nach Hause.

Der Zoll-Chef, extra vom Angeln geholt, steckt in legerer Kleidung. Er streckt mir die Hand entgegen, fordert mich zum Sitzen auf, blättert durch das Transitlog, prüft den Stempel, drückt ihn drauf - und schreitet dann zur Tat: Er schreibt eine Empfangsbestätigung für 186.000.000 TL. Die, sagt er entspannt, habe ich zu zahlen. Ich bin baff und frage warum. Weil Sonntag ist, erklärt er und lächelt fein. Mein Einwand, das sei nirgendwo an der Küste üblich, lässt ihn kalt. Samstag und Sonntag ist das hier so, sagt er, da ist das Zollbüro geschlossen. Da müsse, wer einklarieren will, Überstundengebühr bezahlen. Umgerechnet € 106! Ich stehe auf und erkläre morgen früh wieder zu kommen. Nein, sagt er, jetzt sei einklariert, jetzt sei zu zahlen. In allen anderen Port of Entrys gebe es Marinas. Deshalb sei der Zoll dort auch am Wochenende besetzt. Wenn die Marina in der Nachbarbucht Bucak Denizi fertig sei, ändere sich das vielleicht. Inshallah, grinst er. Aber im Moment sei es eben so.

Grimmig laufe ich durch den Ort, um einen Bankautomaten zu finden, an dem ich 186 Mio TL ziehen kann. Dabei schwöre ich mir, um Kas in Zukunft einen großen Bogen zu segeln.

Nachtrag: Die Sache mit den Überstunden der Zollbeamten in Kas sieht aus dem rechtlichen Aspekt so aus:
Nach dem Zollgesetz 4458 Artikel 819 bis 823 wird jedes Jahr vom Zollministerium eine Gebühr für Zollbehörden festgestellt, die ausserhalb der öffentlichen Dienstzeiten (Montag bis Freitag von 09:00 bis 17:00) fällig ist. Bei grösseren Häfen wie Bodrum, Marmaris, Datca, Fethiye, oder Antalya wird diese Gebühr von den Marinas oder Werften ausgeglichen, so dass sie von den Yachtsleuten nicht mehr einkassiert wird. Da es aber in Kas keine Marina gibt, wird diese Gebühr von den Yachten einzeln verlangt. Diese Gebühr wird direkt an das Zolldirektorat in Antalya geschickt und monatlich pro rata an die Beamten ausgezahlt.

Tipp: Der informierte Yachtskipper klariert deshalb NIE am Wochenende in Kas ein!


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