CockpitTalk

Türkischer Honig oder die Geschichte einer Strandung
von Udo Hinnerkopf

Am nächsten Morgen war die Welt wieder in Ordnung: das Meer funkelte, die Sonne tauchte die nahen Küstenberge in gleißendes Licht. Die kleine Yacht war schräg auf die Steuerbordseite gekippt und stand mit 45° Neigung keine drei Meter vorn Meer entfernt: das Heck zur See, den Bug gen Ephesus, das 10 Kilometer im Land liegt. Es sah so aus, als habe der Skipper versucht, die antike Fahrrinne zu finden und sich dabei in der Zeit vertan.


In der Nacht hatte Südwestwind mit 10 Bft. getobt. Die Gefahr, vor der Marina Kusadasi in eine Grundseezu geraten, war dem Skipper zu groß gewesen. Im Nordwesten drohte rauhe Felsküste, im Süden das bergige Samos - gegen den Sturm anzumotoren erschien ihm chancenlos. So hatte er das Schiff vor den Strand der Mäandermündung treiben lassen und dort auf den Stand gesetzt. "Es war chaotisch", berichtete er später, "aber wir haben es ohne Schaden überstanden!"

Und nun kommt die eigentliche Geschichte, und man muss sich fragen, ob sie so oder so ähnlich woanders ebenso hätte geschehen können. An diesem Morgen nämlich fuhr Bauer Hüseyin mit seinem Traktor an den Strand, um in der Sturmnacht angeschwemmtes Treibholz zu sammeln. Seine Überraschung war groß, als er zwischen sandverklebten Plastiktüten und rollenden Konservendosen die da nicht hingehörende Yacht fand. Er rieb sich die Augen, lief dreimal um das Schiff herum, klopfte schließlich an die Bordwand und holte so den übernächtigten Skipper samt Freundin aus den Kojen.

Nach zögerlicher Begrüßung schilderte der Skipper die Strandung, Suzan, seine Freundin ergänzte mit Händen und Grimassen, wellennachmachenden Armbewegungen und sturmfauchendem Gesicht. Hüseyin staunte, so etwas hatte er noch nicht gehört. Schließlich befreiendes Gelächter, Schulterklopfen, Allahdanken und Einladung zum Tee. Auf dem Traktor ging's zu seinem Haus. Dort lief das halbe Dorf zusammen und Hüseyin musste wieder und wieder erzählen, wie alles passiert war. Und jedesmal wurden die Wellen höher und der Sturm heftiger.

Ein Nachtmahl mit dem Bürgermeister, den beiden Gestrandeten und einigen Verwandten wurde arrangiert. Börek, Salate, gebratene Auberginen, Tomaten, und was der kleine Hof hergab, kam auf den Tisch. Fische wurden gegrillt, ein Huhn geschlachtet. Aus Izmir kam ein Fotograf und am nächsten Tag stand die Geschichte in der "Hürriyet" auf Seite 3.

Mit dem Traktor und einem im tiefen Wasser ausgelegten Anker zog Hüseyin am folgenden Morgen die Yacht an einer langen Leine ins Meer zurück, nicht ohne vorher das Cockpit mit einigen Körben Mandarinen zugeschüttet zu haben. "Für eure Gesundheit", rief er, lachte dass die Golzähne blitzten und brachte neue volle Körbe an. Bald danach schwamm das Boot wieder in seinem Element. Bis auf ein paar Kratzer am Unterwasserschiff war alles gut gegangen.

Jeder, der einmal in der Türkei war, kann ähnliche Geschichten von Hilfsbreitschaft und Gastfreundschaft erzählen. Nicht immer geht es so dramatisch zu. Dieter H. aus Hilden erschrak nur kurz, als ihm in einer wuselnden Einkaufsstraße ein Mann auf die Schulter tippte, etwas Weiches in die Hand drückte und unerkannt wieder im Gewühl verschwand. Das "Etwas" war seine Brieftasche mit Pass, Flugticket, Scheckkarten, Chartervertrag und über EUR 2.000,- in bar, verloren und wieder gefunden, nichts fehlte - ein Wunder. Oder dies: Im Golf von Güllük manövriert ein Fischer sein Boot an die Yacht heran, murmelt iyi bayramlar, frohe Feiertage, drückt jedem Crewmitglied die Hand, schiebt einen Fisch unter der Reling an Deck und tuckert ohne ein weiteres Wort davon.

Die Türkei - ein Urlaubsmärchen? Saubere Strände, stille Buchten, antike Stätten von atemberaubender Schönheit, mehr Kultur, als man in zwei Wochen aufnehmen kann. Sonne von April his Oktober, und Menschen, die früher einmal Nomaden waren und den Fremden als Gast, von Allah gesandt, willkommen heißen. Steckt ein Reisender in der Klemme, finden sich sofort Ratgeber und "Spezialisten", die ihm auf Biegen und Brechen helfen wollen.

Freilich, es gibt auch Schönheitsfehler im Paradies - wie überall, wo im Gefolge von Massentourismus Zerstörungen nicht ausbleiben. Segler berichten von Stromschwankungen, die Ladegeräte zum Bersten bringen. Fischzuchtanlagen, die die sichersten Ankerplätze versperren, Gulet-Kapitänen, für die Wegerecht das Recht des Stärkeren ist. Küstenabschnitte, die mit weißen Einheitshäusern zugepflastert sind. Auch von Buchtenwirten wird erzählt, die kleine Fische zu überhöhten Preisen auf die Rechnung schreiben. Fast immer und überall ist alles kein Problem, problem yok. Läßt man sich drauf ein, beginnen mittlere bis größere Katastrophen, die aber mit Charme und einem sympathischen Lachen wieder zurechtgerückt werden... Ein Land zum Verrücktwerden.

Im Türkei Insider wollen wir über die Segelreviere der türkischen Küste aktuell berichten. Dazu gehören auch Geschichten wie die von der Strandung in der Mäander-Mündung. Wer Ähnliches erlebt hat, schicke seinen Bericht an den Insider. Veröffentlichung nicht ausgeschlossen.