CockpitTalk

Bonfilet
von Udo Hinnerkopf

An einem frühen Novembermorgen wehten westliche Winde um vier, ideal für den Novembertörn von Bodrum zum 80 Meilen nördlich gelegenen Hafen Kusadasi.

Wie es der Zufall will, machten sich an diesem Morgen zwei Schiffe gleichzeitig auf den Weg: SERAINA, mit den Schweizern Heinz und Maya, im zweiten Jahr auf Hochzeitstörn unterwegs. Und NEPTUN mit Skipper Josef, Bordfrau Renate und einem in der Eisbox kühl gelagerten Bonfilet. Dieses Bonfilet hatte am Tag zuvor die beiden Skipper miteinander bekanntgemacht bei einem Bodrumer Metzger.

Heinz, zum ersten Mal in türkischen Gewässern unterwegs und im Umgang mit Land und Leuten noch nicht so erfahren, hatte versucht, ein Bonfilet einzukaufen. Der Mann hinter dem Holzklotz hob gerade leicht die Augenbrauen und murmelte "yok!", was so viel bedeutet wie 'heute keins!', da betrat Josef von der Neptun die Szene und knaunzte kurz: "Bonfilet lütfen!"

'Gibt keins!', wollte Heinz sagen, da lag schon ein Prachtexemplar auf der Waage, wurde gehäutet, eingepackt und dem Josef ausgehändigt. "Oha!", staunte der SERAINA-Skipper, "wieso jetzt das!" Hatte er etwas falsch gemacht? Womöglich mochten die hier keine Schweizer. Vielleicht muß man unwirsch sein... Oder dies 'lütfen' ist ein Zauberwort, ein Kühlschrank-öffne-dich! Freundlich wandte er sich dem Josef zu und fragte höflich: "Wie hast du das jetzt gemacht?"

"Ja mei, woast scho..", belehrte der in bestem Ludwig-Thoma-Slang, "wenn'd länger do bist, werst es scho lerna!", schnappte sein Bonfilet, schwang sich auf die Honda und verschwand. "Jetzt was war das!", brummte Heinz und trabte mit einem tiefgefrorenen Hühnchen zurück in die Marina.

Am nächsten Morgen setzte er Groß und Genua auf seiner 11 Meter langen und 7 Tonnen leichten SERAINA und segelte los. Auf NEPTUN, einem Oldtimer von 55 Tonnen und 16 Metern Länge, stützte Josef mit Groß und Klüver und wupperte mit dem Scandia-Glühkopf-Einzylinder hinterher. Im Morgenlicht hatten die beiden Schiffe noch Sichtkontakt; am Nachmittag lag SERAINA weit voraus.

Gegen 19.45, es war bedeckt und längst stockfinster, stand SERAINA eine halbe Meile vor der Hafeneinfahrt von Kusadasi. Da hörte der Skipper auf Kanal 16 eine ihm wohlvertraute Stimme: "Hier Neptun, Neptun...", in breitem Bajuwaren-Englisch, gut zu empfangen, leicht zu verstehen.

Heinz, der schon die Genua geborgen hatte und mit Groß und Maschine auf die Hafenlichter zusteuerte, übergab Maya das Ruder, schwang sich zum Kartentisch hinunter und vereinbarte mit Skipper Josef Kontakt auf Kanal 72.

"Unsere Position ist Mitte Samosstraße", tönte es jetzt in gehobenem Isardeutsch und leicht unterdrücktem Tremolo in der Stimme aus dem Lautsprecher. "...Haben Feuer im Auspuff!... Liegen fest... für Segelmanöver kein Wind... der Strom setzt uns aufs Festland!... Könnt ihr uns freischleppen?... Neptun, Neptun... over, over."

Was war geschehen?

Josef, der in der kühlen Novembernacht schon vom mediumgebratenen Bonfilet und einem Fläschchen Rotwein im 14 Meilen voraus liegenden Hafen geträumt hatte (sein Bauch vibrierte leicht im Takt des Einzylinders), war plötzlich bis auf die Knochen erschrocken: ein armdicker Feuerstrahl war aus dem Achtersteven der NEPTUN in die finstere Nacht gefahren, wie der Furz eines gewaltigen Höllentieres.

"Oh heiliger Sankt Florian!", stöhnte Renate schreckensbleich neben ihrem Skipper und starrte auf den Raketenschweif, der achtern aus dem Auspuff lohte: "Wenn's nur net mehr wärd!"

Josef war in den Maschinenraum gestürzt, dort hatte es nach verbranntem Altöl gestunken,, und hatte den wummernden Scandia abgewürgt und damit dem Spuck ein Ende bereitet. Ohne das Klopfen des Einzylinders war die Nacht sofort unheimlich. Die dunkle Wand des Mykale-Berges stand an Steuerbord in Lee. An Backbord zeichneten sich schwach die Umrisse von Samos ab. Ausdehnung der Meeresenge an dieser Stelle knapp 1500 Meter. "Der Strom", hämmerte es im Kopf des Skippers, der setzt hier östlich, bisweilen mit 2 bis 3 Knoten. Das war der Augenblick für den Notruf gewesen.

14 Meilen voraus hatte Heinz inzwischen seine SERAINA gewendet und motorte mit voller Kraft in Richtung Feuerspucker zurück. "Neptun... Neptun... hier Seraina... Seraina!" Maya saß am VHF und sprach beruhigend in die Nacht hinaus. "Wir kommen so schnell wie möglich... laufen 7 Knoten... werden gegen 21.50 bei euch sein... können versuchen euch zu schleppen... gebt Lichtzeichen... wir bleiben auf Kanal 72... over."

Mittlerweile hatte der Wind leicht aufgefrischt: von Stärke eins auf Stärke zwei! Immerhin, NEPTUN machte kleine Fahrt durchs Wasser. Aber wohin über Grund? Schwarz stand die türkische Felsküste da, zum Greifen nah! Renate schenkte ihrem arg gestressten Skipper einen roten Doluca ein, Maya kochte Kaffee für den ihren. Der verspürte einen mächtigen Hunger, verdrängte den aber auf später.

Um 21:10 meldete Renate vom Vorschiff rotes Licht an Backbord voraus und schaltete ein Funkellicht ein. Die Küste kam immer näher, aber die Retter kamen auch. Der Wind war wieder eingeschlafen, das Wasser gurgelte schwarz und still um das Ruderblatt. Ein dunkler Schatten tauchte auf, zwei winkende Gestalten, man kannte sich ja: die Skipper hatten schon einmal die Ehre.

"Wir kommen längseits und versuchen euch Bordwand an Bordwand zu schleppen", rief Heinz hinüber. Fender wurden ausgebracht, Leinen festgemacht und Seraina's Bug dicht an NEPTUN's Vordersteven herangezurrt, um den Wasserstau zwischen den beiden Rümpfen so gering wie möglich zu halten. Ergebnis: 2 1/2 Knoten! Immerhin.

Fünf Stunden dauerte die Fahrt nach Kusadasi. Vom Bonfilet, das Renate in dieser Nacht zubereitete, reichte der Skipper der NEPTUN das größte Stück, mehr als die Hälfte, ins Cockpit der SERAINA hinüber.

Über die Begegnung beim Metzger wurde während der langen Schleppfahrt kein einziges Wort gesprochen.