CockpitTalk
Vom Ausbringen der Landleine
Von Udo Hinnerkopf

Das klassische Ankermanöver, das meist zur Katastrophe führt, geht folgendermaßen über die Bühne: Yacht läuft ein, Anker fällt, Rudergänger steuert rückwärts gegen den Wind zum Ufer, stoppt kurz davor, ein Mensch in Badehose springt mit der Leine in der Hand (oder um den Bauch gebunden) ins Wasser und schwimmt zum Ufer. Doch nicht lange! Die Leine (meist nicht schwimmend) geht zu Grund, je größer der Abstand zwischen Schwimmer und Yacht wird. Der zieht und reißt so gut er kann, erreicht endlich den Strand, indessen die Yacht, die gegen den starken Wind nicht mehr rückwärts zu halten ist, seitlich wegdriftet.

Der Mensch am Ufer brüllt:"Mehr Leine!", denn diese ist inzwischen stramm, aber noch nicht am Felsen belegt (Achtung: Baum seit 2010 streng verboten!). An Bord versucht die Mannschaft eine zweite Leine zu finden, die erste ist zu kurz. Mit deutlich überdehntem Arm, das Leinenende verzweifelt haltend, hängt ein weibliches Wesen über dem Heckkorb. Der Mensch am Ufer versucht zum nächstbesten Stein zu stolpern: zieht, zerrt, humpelt, flucht: "Leine, mehr Leine, ihr Idioten!" schallt es über die Bucht.

Da hat der Mann am Ruder einen rettenden Einfall: Er legt den Rückwärtsgang ein, gibt Gas, die Yacht strebt wieder dem Ufer zu, die Leine entspannt sich, der Mann am Ufer kniet über dem Stein. Da, ein Schrei! Die Leine flutscht der Dame mit dem überdehnten Arm aus der Hand -l in die Schraube. Der Motor macht plopp. Aus. Die Yacht treibt, von einer Bö geschoben, erneut ab. Der Mann drüben umarmt noch immer den Stein, doch auch sein Leinenende rauscht durch den Sand davon. Dies ist der Augenblick für uns, das Dingi klarzumachen und helfend einzugreifen.

Ähnliche Nachmittagsspiele kann man in vielen Buchten an der türkischen Küste beobachten. Die mit dem Dingi ausgebrachte Leine ist eine beliebte Variante des Manövers. Auch sie endet gelegentlich mit Einsatz unsererseits, weil der Rudergänger die Yacht vor ausgelegtem Anker nicht so lange gegen seitlich einschralenden Wind halten kann, wie der Mann braucht, um die Leine am Felsen festzumachen.

Tragisch wird es, wenn kleine Crews (zwei Personen, meist Ehepaare) das Wagnis eingehen, so anzulegen. Eine einsame Frau am Ufer, ein verlorener Mann auf dem abtreibenden Boot, und hinterher Vorwürfe, Tränen und stundenlange Stille. Nur manchmal unterbrochen vom Klageruf eines Esels am nahen Ufer.

Wieviel einfacher ist es, die ganze Leine zum Ufer zu rudern, anzubinden und auszulegen, während die Yacht eine oder zwei Warteschleifen dreht. Der Anker fällt erst dann, wenn das Dingi mit der Leine an der Übergabeposition angekommen ist, im Idealfall hilft der Wind von hinten. Ist die Leine am Heck fest, kann die Ankerkette seelenruhig durchgeholt werden. Finito.



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