CockpitTalk
Lothars unglaubliche Abenteuer
Von Udo Hinnerkopf


Lothar kenne ich vom Sporthochseeschifferkurs Anfang der 70er Jahre. Sein Name klingt so wenig nach Abenteuer wie Ernest Hemmingway nach einem Job in einem Büro. Lothar hatte zu jener Zeit eine gutgehende Autowerkstatt in Leverkusen. Irgendwann hat er sie verkauft und sich mit einer Achtmeterslup davongemacht. Es hat Jahre gedauert, bis wir uns in Alicante wieder trafen. Damals ging es ihm gut. Später hörte ich, daß er sein Boot an der Küste Marokkos im Tiefschlaf verloren hatte. Seitdem schlage er sich als Gelegenheitsskipper durch, wurde berichtet.

Neulich trafen wir uns zufällig in der Bodrumer Marina. Er schien jünger geworden. Den struppeligen Bart von früher hatte er abrasiert, die Hose war nicht gebügelt, aber fleckenlos, und das Hemd mit dem eingestickten Krokodil mochte er nicht länger als eine Woche nonstop getragen haben.

Er lud mich zu einem Bier ins Cockpit seiner Yacht ein, einer Sandwichkonstruktion, die er gerade von Gran Canaria nach Tel Aviv überführte.

"Ich bin jetzt dick drin", sagte Lothar und zündete sich eine Gitane an. Er zog den Rauch tief ein. "Da bleibt richtig was hängen, Mallorca Travemünde fünf Mille, und unterwegs alles bezahlt. Is sowieso nicht viel Gelegenheit, Geld auszugeben. Tag und Nacht auf See, nur wenn mal was bricht oder das Wetter absolut gegen dich ist, gehste in Hafen."

Lothar spielte gedankenverloren mit seiner blauen Dunst-Packung und hustete zurückhaltend. "Die Arbeitslosigkeit ist schon ein großes Problem", sagte er und und zog behutsam durch. "Ich hab da wirklich Glück gehabt. Im Jahr vier bis fünf Überführungen, damit komme ich gut über die Runden." Er blickte mich herausfordernd an. "Du bist eben in Glückspilz", gestand ich ihm zu. Er kniff das rechte Auge zusammen, ob der Gitane oder einer Erinnerung wegen, blieb offen. Er war Freiberufler, so viel war mir klar geworden.

"Seit über acht Jahren segele ich mal mit diesem, mal mit jenem Schiff, weiß der Teufel, wieviele Meilen ich schon runtergeschruppt habe...". "Da kommt bestimmt einiges an Katastrophen und so zusammen", unterbrach ich ihn. "Die Katastrophen halten sich in Grenzen", grinste er. "Ein bis zwei elektrische und drei bis vier mechanische pro Jahr, von den menschlichen ganz zu schweigen. Plus der unzähligen Kleinigkeiten, die Langeweile verhindern: Wassereinbrüche, Ankerslippen, Batterieausfälle." Lothar neigte früher zu Übertreibungen, vor allem aber zu gelegentlichen alkoholischen Exzessen. Jetzt trank er Sodawasser.

Er blies mir eine Wolke Gitaneabgase direkt ins Gesicht. "Tschuldigung. Aber auf diesem Überführungs-Törn von den Kanaren hierher war alles ganz anders." Ein Hustenanfall unterbrach seine neuerlichen Ausführungen. "Als wir, zwei mitsegelnde Freunde und ich, Gran Canaria mit dem Ziel Gibraltar verlassen hatten, war auf jeden Fall was gegen uns. Es begann damit, daß uns der GPS, den wir gerade aus der Reparatur zurückbekommen hatten, 85 Meilen woanders hinsetzte. Aber das war nur der Anfang...".

Ich bat ihn um ein weiteres Bier, die Geschichte versprach spannend zu werden.

"Kaum auf See", fuhr er fort, "wurden wir von einer Bö so auf die Seite gedrückt, daß ein Wantenspanner brach. Wir konnten den Schaden durch einen Ersatzspanner beheben, da schoß ich von der Niedergangstreppe quer durch den Salon ... krachte mit der Hand in eines dieser Pantryschapps aus Sperrholz und brach mir den mittleren Finger der rechten Hand... eine scheußliche Verletzung wie du dir vorstellen kannst." Ich nickte.

"Noch ehe wir außer Landsicht waren, wurde ein anderer Alptraum wahr: unser Kompressor- Kühlsystem gab seinen Geist auf, ab sofort war es aus mit dem kalten Bier! Wenige Tage später rutschte der Sextant vom Kajütdach an Deck und war nicht mehr zu gebrauchen. Kurze Zeit später verabschiedete sich unser Satnav und einen Tag danach streikte das Sumlog. Es war wie eine Meuterei der Technik: Kurz vor Gibraltar war auch das Radar nicht mehr einsatzbereit. Unsere Navigation wurde wieder daumenmäßig."

Lothar war richtig in Fahrt gekommen und qualmte eine Gitane nach der anderen. "Am selben Tag verstopfte noch der Seewasserfilter des Generators, der angeblich auf Gran Canaria gewartet worden war. Die Ansteuerung der Straße von Gibraltar war vergleichsweise ereignislos, abgesehen davon, daß wir bedrohlich nahe an ein genau vor uns aufgetauchtes U-Boot gerieten, das uns dann mehrfach umkreiste. Und ach ja: der Großschotschäkel brach."

Ich bat um ein drittes Bier, um die Flut der Ereignisse zu beschwichtigen. Er stieg den Niedergang hinunter und fischte mir eine gefrorene Dose Henninger aus dem Tiefkühlfach seines Frigoschrankes; er selbst blieb bei Sodawasser.

"In Gibraltar gab es dann einen Wassereinbruch, der unsere Bilge und den Motor bis zum Ölfilter unter Salzwasser setzte. Die angeblich neue Stopfbuchse hatte ihren Dienst quittiert; sie ließ pro Minute einen Eimer Wasser rein. Die automatische Bilgenpumpe war einen Tag vorher ausgefallen. Wir mußten an Land gehoben werden, um den Schaden zu beheben."

"Murphys Law...", bemerkte ich, "was schief gehen kann, geht schief". Er nickte.

"So ging das immer weiter", hustete er. "Eine der frisch installierten Solarzellen ging zu Bruch, als auf Malta der Backbord-Davit einer Motoryacht ihm beim Einparken zu nahe kam. Bei einem Gewitter vor Kephallinia riß der Propeller des Windgenerators aus der Halterung und landete wirbelnd im Meer. Zu allem Überfluß schmiß ein Mitsegler, angeblich aus Versehen, in Wahrheit natürlich mit voller Absicht, meine letzte Stange Gitane über Bord..."

"Vermutlich weil er deine Qualmerei nicht mehr ertragen konnte...", hustete jetzt auch ich. Er nestelte mit flatternden Fingern eine neue, makellose Zigarette aus der blauen Packung und tat so, als habe er meinen Einwand nicht gehört. Offenbar stand er noch ganz unter dem Schock des Ereignisses.

"Und", warf ich ein, um ihn in die Realität zurückzuholen, "Überfälle, Piraten, Flucht übers Meer?" "Statistisch gesehen alle sieben bis acht Jahre einmal", keuchte er, "nicht der Rede wert". "Fazit", resümierte ich, "das Yachtleben ist doch eigentlich gar nicht so schlimm!"


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