CockpitTalk
Auf die richtige PhiloSeephie kommt es an
von Udo Hinnerkopf

Anders als beim Fliegen, wo der Kapitän den Vogel "nur" hoch- und wieder runterbringen muß, (während ein Heer von Spezialisten die Maschine wartet), muß der "Blauwasser-Käptn" auf einer kleinen Yacht, eine Allroundbegabung sein.

Er muß von der Segelreparatur so viel verstehen wie vom Segeln an sich, vom Entlüften der Maschine soviel wie vom Spülen des Tanks (wenn er in einem Drecksnest Wasser mit dem Diesel übernommen hat). Er muß seinen Windmotor aus dem Effeff beherrschen und dessen Mucken (schlechtes Wetter) schon ahnen, bevor sie beginnen. Er muß Leinen, Schoten, Kauschen, Splinte, Schäkel und Terminals ständig im Auge haben und wissen wie man einen gebrochenen Mitseglerzeh mit Bordmitteln repariert. Er muß aus dem Stegreif seine gesamte Reisestrategie über den Haufen werfen können und wissen wie man zwei gleichzeitig mit dem eigenen Anker aufgeholte fremde Anker so klariert, dass die, denen die Anker gehören, einem nicht gleich die Kuchenbude einschmeißen. Dabei hilft kein Heitech und kein noch so ausgetüftelter Ankerkettenzähler, sondern nur die Erfahrung und der eigene Verstand.

Unser Yachtie muß von Riffen, Untiefen, Fallböen, Tidenströmen, Mondphasen, Koordinaten, Positionen, Abdrift, Lichterketten, Schiffsgeschwindigkeiten, Radarsignalen, Wegerecht, Zollbestimmungen, Wacheinteilungen, Stauplänen, Gebühren, Farben, Ölen, Kitt, Osmose und der Pantry, samt Backofen, Gas, Schraubverschluß und Explosionsgefahr, sowie von Gruppendynamik und Beziehungskisten, genauso viel Ahnung haben wie von Kakerlaken, Ratten, Bordkatzen, Wespen, Zackenbarsch und Hai.

Er darf weder vor Legerwall ankern, noch die falschen Leute zur gemeinsamen Nachtwache einteilen. Er darf auch nicht im falschen Moment trinken und erst recht nicht einschlafen. Er muß den Wind riechen, das Land schmecken und das (Meeres)Gras wachsen hören. Mit einem Wort: er muß ein Seemann sein, wie es die Maenner auf den Schiffen waren, die Kap Horn ohne GPS und Imarsat gefunden und umrundet haben.

Und weil dies so ist, und weil sich dies auch niemals ändern wird, darf er sich das Leben nicht noch zusätzlich schwer machen, indem er sein Schiff mit hochsensibler Elektronik vollpackt, die ihn von dem ablenkt, was ringsherum auf dem Meer passiert: den Botschaften des Windes, den Zurufen der Wellen, den Zeichen der Wolken, den Signalen der Sonne, dem Flug der Vögel und dem Klingeln des körpereigenen Warnsystems.

Denn es ist doch so: je mehr Technik wir auf unsere Schiffe packen, desto weniger schulen wir unsere Wahrnehmung. Wenn die salzwasseranfälligen Chips in der allerschönsten Not ihren Geist aufgeben und wir mutterseelenallein in Dunkelheit und Sturm auf dem Meer umherirren, ohne geschärfte Sinne für das was da draussen geschieht, dann sehen wir ganz schön grau aus. Auf sich selbst zurückgeworfen, ohne seine grünlich schimmernden Signale, ist der Hi-Tech-Seemann, ein Verlorener der Nacht.

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