Der Insider


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Insider-Routentipp:
Durch den Golf der Himmelsebene (Gökova) zur Insel der Kleopatra



Sadun Boro, der türkische Weltumsegler, hat den Golf von Gökova als das schönste Revier der Welt beschrieben. Unser Autor segelte auf seinen Spuren und fand, das sei keine Übertreibung. Dieser Teil der türkischen Westküste bietet einem Segler wirklich alles, was er sich erträumt.

"Weit hinten in der Türkei gibt es eine Insel in einem tiefen Golf mit dem einzigen Korallenstrand im Mittelmeer." Vor vielen Jahren erzählte mir Paul von der HALLELUJA in einem spanischen Hafen von diesem Phänomen. "Schau", sagte er und strich mit der Hand liebevoll über das rutschfest gemalte Deck seiner Stahlyacht, "das ist Korallensand von der Kleopatra-Insel". Einige Dosen von dem kostbaren Zeug habe er noch in der Bilge stehen. "Das reicht für die nächsten zehn Jahre".

Damals beschloss ich, so schnell wie möglich ostwärts zu segeln und das Deck meines Stahlschiffs ebenfalls mit diesem Wundersand zu bestreuen, um ein für alle Mal die Gefahr des Überbordfallens zu beseitigen. Es sollte aber noch Jahre dauern, bis wir mit Kurs auf die Insel der Kleopatra den Hafen von Bodrum verlassen und in den 50 Seemeilen tiefen Gökova-Golf hineinrauschen konnten.

Das Liek des Großsegels rattert in der Nut. Gischt schäumt auf, durch die Speigatten schießt grünes Wasser an Deck. Es ist der Meltemi, der ägäische Nordwind, der singt und die PANDAREA über die Wellenberge hebt. Unglaublich, was für eine See sich am frühen Nachmittag in der Golfeinfahrt aufbauen kann. Südstrom läuft gegen den Wind . . . Vom nächsten Kap muss das schwarze Schiff aussehen wie ein betrunkener Derwisch, der von Welle zu Welle immer tiefer in den Golf hineinhüpft.

Die Crew ist in Hochstimmung. Toni, Skilehrerin aus dem Allgäu und zum ersten Mal auf einer Segelyacht, strahlt: "Skipper, das ist stark! Genau so hab' ich mir das vorgestellt!" Im Kielwasser achteraus bleibt Karaada zurück, die schwarze Insel mit der Thermalquelle, in der wir in der Windstille des Vormittags gebadet haben. Von den Bergrücken knattern Fallböen auf das schwarzblaue Meer herunter.

Vor uns liegt der Golf: im Südwesten begrenzt durch Kap Tekir mit der antiken Stadt Knidos, im Nordwesten durch die wuselige Hafenstadt Bodrum mit ihren Basarstraßen und lauten Disko-Bars. Westlich dem Golf vorgelagert räkelt sich die griechische Insel Kos in der Agäis und teilt den Tageswind in eine nord- und eine südwestliche Komponente. Gewöhnlich beginnt der Wind mittags, folgt dem Verlauf der Küste und weht in den Golf hinein. Am Nachmittag erreicht er 5 bis 6 Beaufort, selten auch mal mehr; manchmal steht er nachts durch. Am frühen Morgen fächelt meist ein dünner Ostwind aus dem Golf heraus, der bis ein paar Stunden nach Sonnenaufgang anhalten kann. Der Meltemi, der in diesem Sommer selten, aber heftig weht, fällt von den nördlichen Küstenbergen herunter und überzieht den Golf mit weißen Kämmen. Im Frühjahr, Herbst und Winter muss mit starken Südostwinden bei fallendem Barometer gerechnet werden.

Die Nordküste des Golfs ist am Anfang sanft hügelig und mit grünen Pinienwäldern bewachsen. Weiter drinnen steigt die Küste beinah senkrecht bis zu 950 Metern auf. Hängt eine Wolke bei Akbük über der Steilwand, ist, besonders nachts, mit Fallböen in Sturmstärke zu rechnen, die den berüchtigten Fallwinden in der Magellanstraße in nichts nachstehen. Hier mussten wir einmal fluchtartig den Ankerplatz verlassen: die Böen brachen mit 40 Knoten vom Kamm herab - vier Seemeilen draußen auf dem stockfinsteren Meer säuselte der Wind nur noch mit 7 Knoten vor sich hin.

Die Ostküste des Golfs ist grün und zerrissen, voller Buchten und Waldnischen. Im hinteren Drittel verengt er sich auf zwei Seemeilen. Die Südküste ist zunächst felsig-grau bis ockergelb. Bei Körmen, dem Nordhafen von Datça, tauscht sie ihre Wildheit gegen ein sanftes, grünes Kleid aus Bergen, Hügeln und Bäumen.

Nach einigen Stunden beschwingtem Wellenreiten machen wir in der Bucht von Çökertme mit langen Heckleinen an zwei Felsnasen fest. Kurz nach Sonnenuntergang braust Kaptan Ibrahim mit einem Speedboot heran und holt die PANDAREA-Crew nebst Seglern von drei anderen Yachten in sein "Yacht-Restoran" am Strand. An den Tischen unter den Mimosen auf der Terrasse über dem Meer ist schon mächtig was los: sonnengetoastete Mitglieder einer englischen Flottille tanzen zu den bizarren Rhythmen einer türkischen Geigen-Flöten-Trommel-Band aus dem nächsten Dorf.

Ibrahim, der Oberfilou der türkischen Küste, schiebt schwitzend Hähnchen in den Holzreisigofen und feixt: "Toll was los heute, güzel güzel!" Später taucht er mit angeklebtem Moustache auf und tanzt im Kostüm eines Alttürken aus der Osmanen-Zeit seinen berühmten Pistolentanz, den er häufig zum Rakitrinken und Gurkenessen unterbricht, wozu die Band das Tempo beschleunigt.

Zu vorgerückter Stunde rollt Ibrahims Frau einen Kelim aus, und der Meister erteilt Unterricht im Wasserpfeiferauchen. Tayfun, unser türkischer Mitsegler aus Gelsenkirchen, immer bereit, uns in die Sitten und Bräuche seiner Landsleute einzuführen -, zieht sich die Schuhe aus und hockt sich neben Ibrahim. Aber schon beim dritten Zug aus der Pfeife verschluckt er sich so heftig, dass wir ihn zu Wiederbelebungsversuchen zum Tisch zurückschleppen müssen. Zweifel an seinem türkischen Großvater kommen auf. Tayfun erholt sich, prustet und hustet und erklärt, er werde nie wieder "Nargile" rauchen, dies sei sein erster und letzter Versuch gewesen. Er bestellt Raki für uns und die Bauernband . . . wir stoßen auf Tayfuns Auferstehung an. Der Abend wird lang.

Am nächsten Vormittag segeln wir mit dem beginnenden Nordwestwind tiefer in den Golf hinein. Unser Ziel sind die Yediadalar, die sieben Inseln. Vier liegen in einer Reihe als Schutzwall vor einem zwei Seemeilen langen Einschnitt und bilden so eine Lagune, in der man wochenlang wie Robinson leben könnte: die Schlupfwinkel erkunden, schwimmen, angeln und abends am Strand Sterne gucken und im Sand einschlafen.

Am sichersten sind die Nordeinfahrt in die Lagune (Seekarte) und die Passage im Süden. Bei einem späteren Besuch konnten wir eine französische Yacht gerade noch rechtzeitig davon abhalten, auf die Riffe zwischen den beiden südwestlichsten Inseln zu laufen. Alle Arme, die Schiffsglocke und alle Nebelhörner an Bord kamen zum Einsatz. Hinterher bedankte sich der verstörte Skipper mit einer Flasche Champagner, die er uns mit schiefem Grinsen und einem Händedruck aus dem Schlauchboot ins Cockpit reichte.

Diesmal ist die Ansteuerung der Passage dramatisch beleuchtet ... kein eintöniges Blau wie im Sommer. Kumuluswolken steigen in den Herbsthimmel und quellen zu Türmen auf. Die vorausliegende Küste ist teils unter Wolkenschatten verborgen, teils hell beleuchtet. Jetzt huscht ein voller Sonnenstrahl auf die Einfahrt, und deutlich sehen wir die Gischt an den Felswänden hochschießen. Kurz vor dem Einschlupf liegt ein Flachstück von fünf Metern, und PANDAREAs Tiefgang beträgt 3,50 Meter mit abgelassenem Schwert! Ein flaues Gefühl, dann sind wir drüber. Vorne die Rottöne auf den nahen Felsen! Dann das Gelb des sonnenverbrannten Inseln. Dahinter die grauschwarze Ebene des Waldes . . . und darüber, völlig weiß die Felswände der Nordküste. Wahnsinn!"

Ein Fischer hat in der Lagune sein Netz ausgelegt. Er kommt mit seinem Boot aus dem Gegenlicht herangetuckert und bietet Zahnbrassen an: "Taze, taze!" - frisch von heute morgen, verspricht er. Wir kaufen ihm fünf ab und bekommen noch einen Oktopot (Tintenfisch) geschenkt. Obwohl Feuermachen an der türkischen Küste verboten ist, in jedem Transitlog wird darauf hingewiesen, beschließen wir, am Strand bei ablandigem Wind und weit weg von jeglichem Fels und Strauch, ein kleines Feuer anzuzünden und die Brassen in der schweren Eisenpfanne mit Zwiebeln, Kartoffeln, Tomaten, Wein und Knoblauch zu dünsten. Den Oktopot stecke ich in den Schnellkochtopf, gieße etwas Wasser und Essig dazu und koche ihn zwanzig Minuten. Kleingeschnitten, mit Olivenöl, Zitrone, Petersilie und Knoblauch angerichtet, gibt er eine köstliche, wenn auch nicht üppige Vorspeise ab. Dazu frisch getoastetes Brot vom Feuer und Rotwein aus dem Kühlschrank an Bord.

Pünktlich um 11.30 Uhr kommt die erste Brise. Wir steuern über die weite Bördübet Bucht in der Südostecke des Golfs. In Büyük Çati, einem schmalen Einschnitt in grüner Waldlandschaft, fällt am frühen Nachmittag der Anker. Draußen rollt die See, in der gewundenen Bucht ist wundervolle Stille. Nur die Zikaden zirren als ginge es um einen Hochton-Wettbewerb im Beinchenwetzen.

In Büyük Çati wurde zur Zeit des unter Darius anrückenden Perserheeres ein Schiffahrts- und Verteidigungskanal zum südlich gelegenen Hisarönü-Golf geplant, denn die Landenge zur nahen Bençik- Bucht ist nur einen Kilometer breit. Der Kanal wurde nicht gebaut. Das Orakel in Delphi hatte - vermutlich von den Persern bestochen - abgeraten. Noch heute wäre eine Seeverbindung von Büyük Çati zur Bençik-Bucht eine nautische Delikatesse, besonders bei starkem Nordwind, wenn der Kurs ums weit westlich liegende Kap Knidos ein hartes Stück Arbeit ist.

Unser nächstes Ziel: Degirmen Bükü, eine Bucht mit drei Ankerplätzen zum Aussuchen ein paar Meilen östlich vom Hammelkap (Koyun Burun), wo sich der Golf auf fünf Meilen verengt. Als wir das Kap gerundet haben, legt der Wind um 3 Beaufort zu und rattert mit 8 von den Steilwänden der Nordküste. Mit PANDAREAs Rollreffsystem für Groß und Genua ist das Verkleinern der Segel eine Sache von Sekunden. Was war das früher für eine Schinderei auf dem tanzenden Vorschiff! Vergessen, vorbei.

Trotzdem ist der Wind zu hart. Frage an den Skipper: Gibt es nicht eine kleine, geschützte Bucht ganz in der Nähe? Natürlich gibt es die! Im Golf gibt es immer irgendwo eine kleine, geschützte Bucht ganz in der Nähe. Die Frage wurde von Andrea und Basti gestellt. Sie wollen lieber dem Wettbewerb der Zikaden lauschen als ständig von Salzwasser geduscht zu werden. Toni und Tayfun allerdings sind für's Weitertanzen.

Wir drehen ab und schlüpfen unmittelbar hinter dem Kap in eine namenlose Bucht in total einsamer Umgebung. Nicht einmal ein Fischerboot ist da. Toni und Tayfun steigen ins Schlauchboot und paddeln zum schmalen Strand. Sie binden das Ende der langen Festmacherleine an einer Pinie fest und rudern zur Buchtmitte zurück. Dort habe ich mit der PANDAREA Wartekreise gedreht. Jetzt kann der Anker fallen und die Leine am Heck festgemacht werden. Noch eine zweite Leine zu einer anderen Pinie, fertig. Vor Buganker und zwei Heckleinen liegen wir sicher wie im Hafen. Als Ankerschluck gibt es frischen Tee aus der Samowarkanne, der aus kleinen türkischen Tulpengläsern getrunken wird. Luft 25 Grad, Wasser 20 Grad, Mitte Oktober. Gesprächsthema beim Tee: die Anlegemanöver an der türkischen Küste.

Wie oft sitzen wir an Deck und schauen verzweifelten Crews auf Yachten zu, die - Tampen im Propeller! - manövrierunfähig aus der Bucht hinaustreiben oder sich mit anderen Booten zu einem unentwirrbaren Knäuel von Ankerketten, Festmacherleinen und Bootshaken vertörnt haben. In den Buchten an der kleinasiatischen Küste muss meist an Felsen festgemacht werden, weil der Drehkreis um den Anker durch andere Kaiken oder Yachten begrenzt ist oder weil die Fallwinde von den Bergen das Nur-vor-Anker-Liegen höchst unsicher machen. Wichtig: An Bäumen festmachen ist verboten!

Das klassische Ankermanöver, das meist zur Katastrophe führt, geht folgendermaßen über die Bühne: Yacht läuft ein, Anker fällt, Rudergänger steuert rückwärts gegen den Wind zum Ufer, stoppt kurz davor, ein Mensch in Badehose springt mit der Leine in der Hand (oder um den Bauch gebunden) ins Wasser und schwimmt zum Ufer. Doch nicht lange! Die Leine, meist nicht schwimmend, geht zu Grund, je größer der Abstand zwischen Schwimmer und Yacht wird. Der zieht und reisst so gut er kann, erreicht endlich den Strand, indessen die Yacht, die gegen den starken Wind nicht mehr rückwärts zu halten ist, seitlich wegdriftet. Der Mensch am Ufer brülllt: "Mehr Leine!", denn diese ist inzwischen stramm ... aber noch nicht am Fels belegt. An Bord versucht die Mannschaft eine zweite Leine zu finden, die erste ist zu kurz. Mit deutlich überdehntem Arm, das Leinenende verzweifelt haltend, hängt ein weibliches Wesen über dem Heckkorb. Der Mensch am Ufer versucht zur nächstbesten Pinie zu stolpern, zieht, zerrt, humpelt, flucht: "Leine, mehr Leine, ihr Idioten!" schallt es über die Bucht.

Da hat der Mann am Ruder den rettenden Einfall: Er legt den Rückwärtsgang ein, gibt Gas, die Yacht strebt wieder dem Ufer zu, die Leine entspannt sich, der Mann am Ufer umarmt den Fels. Da, ein Schrei! Die Leine flutscht der Dame mit dem überdehnten Arm aus der Hand, direkt in die Schraube. Der Motor macht plopp - aus! Die Yacht treibt, von einer Bö geschoben, erneut ab. Der Mann drüben umarmt noch immer den Fels, doch sein Leinenende rauscht durch den Sand davon. Dies ist der Augenblick für uns, das Dingi klarzumachen und helfend einzugreifen.

Ähnliche Nachmittagsspiele kann man in vielen Buchten an der türkischen Küste beobachten. Die mit dem Dingi ausgebrachte Leine ist eine beliebte Variante des Manövers. Auch sie endet gelegentlich mit Einsatz unsererseits, weil der Rudergänger die Yacht vor ausgelegtem Anker nicht so lange gegen den Wind halten kann, wie der Mann braucht, um die Leine am Fels festzumachen.

Tragisch wird es, wenn kleine Crews (zwei Personen, meist Ehepaare) das Wagnis eingehen, so anzulegen. Eine einsame Frau am Ufer, ein verlorener Mann auf dem abtreibenden Boot, und hinterher Vorwürfe, Tränen und stundenlange Stille, nur manchmal unterbrochen vom Klageruf eines Esels am nahen Ufer.

Wieviel einfacher ist es, die ganze Leine zum Ufer zu rudern, anzubinden und auszulegen, während die Yacht eine oder zwei Warteschleifen dreht. Der Anker fällt erst dann, wenn das Dingi mit der Leine an der Übergabeposition angekommen ist, der Wind hilft von hinten, derweil die Yacht seelenruhig rückwärts auf das wartende Dingi zusteuert. Ist die Leine am Heck fest, kann die Ankerkette seelenruhig durchgeholt werden. Finito.

Am nächsten Tag rauschen wir mit Rumpfgeschwindigkeit in den hinteren Teil des Golfs - die Kleopatra-Insel rückt näher. Silbern schimmert das Meer im Auf und Ab der Wellen. Kaum haben wir die Oliveninsel vor der Degirmen-Bucht hinter uns, ist es vorbei mit der Raumschotsfahrt. "Der Wind", knurrt der Skipper, "ist launisch wie...", verschluckt aber den Vergleich, denn es sind zu viele Damen an Bord. Wir motoren an English Harbour vorbei, einer schmalen Bucht, in der englische U-Boote während des letzten Krieges versteckt lagen und die Mannschaften sonnenbadeten. Wir steuern nach links und machen am Holzsteg eines einfachen Restaurants fest. Ein Mann mit Olivenaugen nimmt die Leinen an. Obst, Gemüse, Bier, Wein, frische Eier, alles sei zu haben, sagt er, und wenn wir wollten, auch Trinkwasser vom Brunnen. Der Einfachheit halber hat er die Speisekarte seiner Lokanta auf die Hauswand gemalt: Fisch gegrillt, Huhn gedünstet, Ziegenbraten, die Auswahl fällt schwer.

In der Nacht bricht das erste Herbstgewitter herein. Eine Zehnminuten-Bö ist so heftig, dass wir um den Halt des Ankers fürchten. Es scheint kurze Zeit so, als erlitte der Holzsteg Schiffbruch. Am nächsten Morgen ist dann alles blank und klar, die Sonne funkelt in den Wassertropfen, die an der Reling hängen. Der Himmel strahlt so blau, als könne er kein Wässerchen trüben.

Unsere nächste Bucht heißt Sögüt Liman, auch Karacasögüt genannt, und liegt nur eine kleine Etappe östlich. Die Insel Karaca hockt vor der Einfahrt wie ein gestrandetes Muppet-Monster; sie hält die nördlichen Winde ab. Dichter Pinienwald säumt die Ufer. Im Scheitel der Bucht mündet ein kleines Flüsschen. Sadun Boro, der türkische Weltumsegler und Lebenskünstler, der mit seiner KISMET oft wochenlang in den Buchten zwischen Sögüt und Degirmen ankert, sagt, diese Ecke des Golfs sei für ihn das schönste Revier der Welt. "Ich brauche keine karibischen Inseln und keine Südsee-Atolle. Hier im Golf hab' ich alles, was ich mir wünsche: Wind genug zum Segeln, die sichersten Buchten mit Bäumen bis zum Wasser und viele, viele Fische, wenn du verstehst, sie zu fangen! Außerdem Bäche, Täler, Wege, Bauerndörfer mit allem Frischzeug für die Bordküche. Ich habe viel gesehen von der Seglerwelt. Glaub mir: dies ist das Paradies."

Von Sadun Boros Öffentlichkeitsarbeit in den türkischen Medien aufgeweckt, hat die türkische Regierung vor Jahren den Golf von Gökova zum Naturschutzpark erklärt und damit der wilden Spekulation und Bauwut in diesem Küstenabschnitt Einhalt geboten. In den Buchten mit den herrlichsten Ankerplätzen des Mittelmeers dürfen weder neue Straßen, noch Hotels, noch die in der Türkei so beliebten Feriendörfer gebaut werden. Doch auch hier bestätigen Ausnahmen die Regel: Eine Parlametariergruppe baute sich mittem im Naturschutzpark eine Feriensiedlung. Ein Paradox, das niemand begreift. Der Wermutstropfen in diesem Paradies ist der 250 Meter hohe Schornstein in der Mitte der Nordküste. Hier entsteht das Braunkohle-Kraftwerk Ören, geplant und begonnen, lange bevor der Naturschutz in den Golf kam. Zuviel ist investiert worden, der Schornstein wird qualmen. Dies werden auch Sadun und andere engagierte Leute nicht verhindern können.

Langsam kommen wir unserem Ziel, dem Korallensand der Kleopatra-Insel, näher. Seit Wochen sammele ich leere Nescafe-Dosen. Ein paar Meilen nördlich von Karacasögüt liegen die Sehir Adalari, die Kleopatra-Inseln. Kurz vor dem Ende des Golfs ducken sie sich unter dem Westwind nah an die südliche Festlandküste. Die Inseln sind Wendemarke unseres Törns: Von hier gilt es, in langen Schlägen wieder aus dem Golf hinauszukreuzen.

In antiker Zeit lag auf dem größten Inselchen die Stadt Cedrea, eine Niederlassung von Rhodos. Dann besetzten die Römer den Golf, und Marc Anton betrat die Szene. Vielleicht um sie aus Ägypten wegzulocken, ließ er der Königin vom Nil auf den Inseln ein Ferienrefugium errichten, eine aufwendige Club-Mediterrane-Idylle mit Palast, Bädern, Tempel, Sportanlagen und einem hübschen, kleinen Theater, in dem heute knorrige Olivenbäume zwischen den Sitzreihen stehen und im Wind die Blätter regen wie zum Applaus. Marc Anton, der Held, wie muss er vernarrt gewesen sein! Nur so lässt sich erklären, dass er den Gedanken denken und ausführen konnte, feinsten Korallensand vom Roten Meer kisten-, säcke-, tonnenweise in die tiefste Tiefe des Gökova-Golfs zu schleppen und der Dame aus Ägypten vor die Füße zu schütten. "For you my lady!" Welche Last auf Kamelrücken und in Galeerenbäuchen! Bei den Verkehrsverhältnissen damals.

Wir ankern zwischen der Kleopatra-Insel und der Schlangen-Insel auf (normalem) Sand und rudern an Land. Einer der Inselwächter bittet zur Kasse, einem Bahnsteighäuschen unter einem FeigenFels. Yachtleute zahlen das gleiche wie die mit Ausflugsbooten anlandenden Touristen vom Festland. Wir lassen den feinen Sand durch unsere Finger rinnen. "Wenn man bedenkt, wie der hierherkommt . . .", sinniert Andrea. Tayfun hat mit dem "Quatsch von den alten Römern" nicht viel im Sinn, er ist an Bord geblieben. Der Versuch, die in einer Badetasche mitgebrachten Nescafedosen heimlich mit dem kostbaren Antirutsch-Belag zu füllen, bleibt unter den stechenden Augen der Wächter unversucht. Den Museumsbehörden in Ankara ist längst klar, dass ein paar Yachties den Sand schneller abtragen würden, als es Meer, Wind und Sturmnächte in zweitausend Jahren vermocht haben.

An Bord dann die große Überraschung: Andrea schüttelt ihren Bikini aus . . . da rieselt Korallensand auf den Mahagoniboden. "Ah!" und »Oh!" und "Wie hast du das denn gemacht?" Andrea ist genauso verblüfft wie wir. Sie saß nur einfach so im Stand. Nun hat sie die Hose voll Sand. "Da sieht man mal wieder", stöhnt Tayfun, "kein Respekt vor der Historie." Jeder bekommt ein paar Korallenkörner zur Erinnerung. Für PANDAREAs Deck reicht es leider nicht. Toni tröstet den Skipper: "Da nimmste halt normalen Sand aus deiner Lieblingsbucht, zu der du uns nie hinfährst... von Gümüslülü oder Gümüsbüllü oder wie die heißt."

Törnberichte
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