Der Insider


Warum in den letzten Jahren die Türkei so verdammt viel teuerer geworden ist
20.12.2012

In den Wirtschaftskommentaren der Medien wird die Türkei als rasanter Tigerstaat beschrieben - Wachstum und Krisenresistenz hochgelobt. Irgendwie hat man beim Lesen dieser Nachrichten das Gefühl bei türkischen Bauunternehmern, Spekulanten und Anlage-Fonds mache sich eine noch nie dagewesene Goldgräberstimmung breit. Hosgeldiniz - risikofreudige Anleger am Finanzplatz Türkei.

Dagegen: Was wir ausländische Segler in den Marina-Orten beim Einkaufen und in den Buchtenkneipen erleben wird oft als Abzocke beschrieben. Beispiel: "Die Tavernen in den Fethiyegolf-Buchten haben ihre Preise um das Dreifache erhöht: 1 Efes Bier 0,33 l kostete 8.- TL, 1 Hühnerspieß 45 TL, 1 Fisch fast unbezahlbar u.s.w. Das gleiche gilt für alle Buchten außerhalb des Golfs Richtung Marmaris, von der My Marina gar nicht zu sprechen. Die Segelcrews sollten nur noch in Göcek zum Essen gehen, dort sind die Preise und die Qualität noch in Ordnung. Die Abzockerkneipen sollte man unbedingt meiden".

Doch halt! Es sind nicht unbedingt Gier und Unerersättlichkeit der Buchtenwirte und Supermärkte in den Orten, sondern es ist die allgemeine Teuerungsentwicklung im Land. "Über ein Jahr gesehen, haben sich die Lebenshaltungskosten, basierend auf den Grundbedürfnissen einer türkischen Familie um mindestens 30% verteuert, schreibt Walter Helbling, Herausgeber seines Blogs Projektörchen. Hinzu kommt die Inflation, sie beträgt immer noch etwas über 6% pro Jahr. Aus diesem Grund sei "der Staat gezwungen, Geld durch Gebühren auf Konsumartikel wie Benzin, Energie, Handys, Alkohol, Zigaretten etc. zu organisieren, wobei inzwischen ein Preisniveau erreicht ist, welches gerade am Beispiel Treibstoff weltrekordverdächtig ist. Trotz klammer Staatskassen wurde ein Gebührenaufschlag von 40 Kurus pro Liter Treibstoff verordnet, womit der Preis für einen Liter auf 2.17 € kletterte."

Für uns kommen die mächtig angestiegenen Marinapreise dazu. Anfang 2011 haben wir hier einen Preisvergleich aller Marinas von Istanbul bis Alanya gemacht, für vier veschiedene Yachtgrößen, für 1 Tag, 1 Monat, 6 Monate und ein Jahr. Die Preise hatten damals schon gegenüber 2009 deutlich angezogen, sind heute aber längst schon wieder überholt. 2013 muss die Umfrage neu gemacht weren.

Hintergrund für die rasante Preisentwicklung bei den Marinas: Einerseits die überraschende Nachfrage der Oberschicht des Landes, die jetzt genügend Geld für eine Yacht hat (Yachting ist plötzlich in!). Aber vor allem die Strategie des türkischen Staates Großprojekte nicht selbst zu finanzieren, sondern von Privatunternehmern entwickeln zu lassen. Die Investoren stehen unter dem Zwang innerhalb einer festgesetzten Frist ihre Investiton wieder erwirtschaftet zu haben. Dazu Blogger Walter Helbling:

"Der türkische Staat realisiert vor allem im Sektor Infrastrukturen (Autobahnen, Flughäfen, Hochgeschwindigkeitszüge) gewaltige Projekte und plant weitere umzusetzen. Viele dieser Vorhaben werden jedoch so ausgeschrieben, dass für den Staat keinerlei Kosten anfallen, indem der Bauherr gleichzeitig das zeitlich beschränkte Betriebsrecht für diese Anlage erhält und mit den erzielten Einnahmen Baukosten und Firmengewinn erzielt. Anschliessend fällt die Anlage an den Staat zurück, welcher die Betriebsrechte und zu tätigende Investitionen erneut meistbietend verkauft. So werden beispielsweise Flughäfen, Marinas, Autobahnprojekte, AKW's, Wasser- und Thermokraftwerke sowie Hochgeschwindigkeitsverbindungen geplant und vergeben."

Mit anderen Worten: Die einheimischen Konsumenten und Yachteigner, und die ausländischen Touristen finanzieren die Projekte des Staates durch überproportinal steigende Lebenshaltungs- und Großprojekt-Kosten. Siehe Marinagebühren.

Trotzdem: Wir Segler genießen den Sonnenschein und die wunderbaren Golfe und Buchten, die herrliche Küste rauf und runter und noch weiter, und schimpfen und granteln oft zwischendurch, weil nicht alles so urig und billig geblieben ist wie es einmal war. Dabei werden unsere Heimatländer von der Banken-Euro-Spekulanten-Krise so geschüttelt und gerüttelt, dass wir am liebsten auswandern würden. Aber wohin? In die Türkei? Da grummelt sich auch schon eine Blase zusammen, prophezeien die Kenner. Also bleiben wir wo wir sind, genießen Buchten und Meer, und hoffen, dass es nicht zu schlimm wird.

Dass es in anderen Ländern ähnlich, auf keinen Fall besser ist, beschreibt hier ein ehemaliger Kroatien-Segler, der in die Türkei gewechselt ist: klick