Der Insider

Aus der YACHT unter Mitarbeit von Udo Hinnerkopf

Türkei: Südsturm zerstört Charteryachten

Ein für den Mai nicht ungewöhnlicher Sturm an der türkischen Küste hinterließ die Erkenntnis: Auch in den sogenannten warmen Monaten müssen Skipper und Crews im "Schönwetterrevier" Mittelmeer Vorsicht walten lassen.

Die gute Nachricht vorweg: Menschenleben waren nicht zu beklagen, nachdem sich am 14. Mai der Südoststurm wieder gelegt hatte. Aber der für diese Jahreszeit eigentlich nicht zu erwartende kräftige Winterwind Lodos, der sich bei einem durchziehenden Tief über dem östlichen Mittelmeer entfaltet, hatte eine Schneise der Verwüstung in die Charterflotten zwischen Bodrum, Marmaris und Göcek geschlagen und auch eine Eigneryacht unter französischer Flagge versenkt. Einige Charterbasen waren stärker, andere wiederum fast gar nicht betroffen. So sank in der Bucht Serçe Limani zwischen Bozburun und Marmaris eine neue Sun Odyssey 47 der Agentur Sun Charter aus München. Die Crew rettete sich und ihre Ausrüstung mit dem Dingi an Land, bevor das Schiff auf die Felsen geriet und auf Grund ging.

Die Gewalt des 50 bis 60 Knoten starken Sturms mit örtlich bis zu fünf Meter hohen Wellen schlug Löcher in die Rümpfe des nagelneuen Fahrtenkatamarans von Offshore Sailing in Marmaris, eine Venezia 42 aus der Werft Fountaine Pajot. Weiterhin sollen die Flotten der türkischen Anbieter Setur und Karada Yachting nahe Göcek von Sturmschäden betroffen worden sein, während die Sunsail-Flotte lediglich ein demoliertes Dingi meldete. Eine Reihe von Ankerliegern wurden praktisch in letzter Minute aus ungeschützten Buchten gerettet.

Eine lückenlose Gesamtbilanz der Schäden hatte auch der Hamburger Yachtversicherer Pantaenius nicht, dem mehr als ein halbes Dutzend Anspruchsfälle gemeldet wurden. Wichtiger als diese Gesamtsicht aber ist für die in dieser Zeit hauptbetroffenen deutschen Chartercrews, die vor der türkischen Küste im Mai bis zu 80 Prozent der Segler stellen, die Erkenntnis, dass nicht pünktlich mit dem 30. April eines jeden Jahres die Winter-Segelsaison endet. Auch im Mai muss mit diesen typischen Starkwindverhältnissen gerechnet werden. Deshalb ist es auch in den Früh- und Spät-Sommermonaten wichtig, aufmerksam die Wetterentwicklung zu verfolgen und zu jeder Zeit sichere Ankerbuchten oder Häfen im Blick zu haben.

Denn wenn auch die vielgehörten Wetterbericht von Radio Athen oder die Küstenfunkstellen den Südoststurm nicht voraussagten, so war das heraufziehende Schlechtwetter nach Informationen unseres Türkei-Korrespondenten Udo Hinnerkopf, der mit seiner Yacht in der Nähe von Datça unterwegs war, schon am Vormittag des 13. Mai zu erkennen. Gegen 11.00 Uhr drehte der Wind auf Südost, die Sicht wurde diesig, und das Barometer fiel. Mit seiner Crew suchte er deshalb den Schutzhafen von Palamut auf, einen kleinen Fischerhafen im Westteil der Datça-Halbinsel. Doch diese Vorsichtsmaßnahme ergriffen nicht alle Schiffsführer.

Wer zu den scheinbar harmlosen Sommermonaten vor der türkischen Küste segelt, sollte als Lehre aus diesem Sturm einige Dinge beachten: Selbst im Mai können, wie gesehen, noch Winterstürme aus Südost auftreten. Deshalb informieren Sie sich anhand der Hafen-Handbücher jederzeit über Häfen oder Buchten in Ihrer Nähe, die nicht nur bei den im Sommer vorherrschenden nördlichen Winden, sondern auch bei südlichen Schutz bieten. Detaillierte Informationen bieten dazu zwei Törnführer: Andrea Horn/Wyn Hoop, "Kreuzen zwischen Türkischer Küste und Ostgriechischen Inseln", Edition Maritim, und Gerd Radspieler, "Türkische Küste", Delius Klasing Verlag.*) Wer aufmerksam die Wetterentwicklung verfolgt, kann frühzeitig die entsprechenden Rückschlüsse ziehen. Ankerlieger schlafen ruhiger, wenn der Anker gut eingegraben wurde. Umsichtiges Auswählen des Liegeplatzes und ein sicher haltender Anker ersparen nächtliches Ungemach.

Von Fall zu Fall soll es auch nicht schaden, wenn man sich auf eine liebe, alte Gepflogenheit besinnt, die heutzutage nicht nur in Revieren wie der Karibik aus der Mode gekommen ist - die Ankerwache. Die Nacht ist für den einzelnen dann nicht mehr ganz so lang, aber die in der Koje liegen, können unbesorgt die Augen schließen. mm

*) ab April 2008 in Neuauflage: von Udo Hinnerkopf total überarbeitet