Der Insider

Türkische Holzschiffe: Besser als ihr Ruf
20.09.2015




Als ich Ulli, einem überzeugten Mittelmeersegler erzählte, dass ich mich neuerdings für Gulets interessiere, sagte er entrüstet: „Wie kommst du denn dazu, das passt überhaupt nicht zu dir!“ Im weiteren Gespräch kam heraus, dass er Gulets für träge Holzkähne hielt, auf denen träge Touristen an Deck herum liegen, um sich mit Vollgas von einer Bucht in die nächste kutschieren zu lassen - und sich entsetzliche Sonnenbrände dabei holen. Ja noch schlimmer: Er war tatsächlich der Meinung, dass Gulets nicht segeln können und dass sie ihre Masten nur zur Vortäuschung falscher Tatsachen tragen. Die Spitze seiner Polemik aber war, dass Gulets für ihn verboten gehören, denn sie seien Umweltsünder, die die Buchten mit ihren heimlich entleerten Abwassertanks versauen und Seglern den Platz wegnehmen.

Ich lud ihn zu einem Glas Tee ein. Dabei erzählte ich ihm von meinen Erlebnissen auf den Holzschiffen und zeigte ihm Fotos von Gulets unter Segeln. Sein Vorurteil kam nur wenig ins Schwanken. Immerhin  überredete ich ihn, mit mir an der Gulet-Regatta teilzunehmen, während der Gulet-Mannschaften im Oktober vor Bodrum zeigen was für ein Segelpotential in den 'Holzkähnen' steckt. Er meinte zwar, ich werde schon sehen, er werde recht behalten, wir würden ein Desaster erleben. Aber er sagte zu.

Wenige Wochen später kam er, im Gepäck seine Vorurteile und in der Hand eine funkelnagelneue Digitalkamera, mit der er mir Beweise liefern wollte. Wir hatten uns auf der DERYA DENIZ, einem 25 Meter langen Schoner, eine Kabine gemietet und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Ich hoffte auf guten Wind und rauschende Fahrt, er orakelte „wirst schon sehen“ und als der erste Tag mit Flaute begann „hab ich’s doch gewusst!“

Der zweite Tag brachte den von mir ersehnten Wind. Die weißen Segel knallten vor der Startlinie, es war ein atemberaubender Anblick und als der Startschuss fiel, zog das Feld wie eine Armada weißer Schwäne auf und davon. Unser Schiff kam gut weg, acht Männer zogen an den Schoten, schrieen sich an und gestikulierten wild. Die DERYA DENIZ zog mit ihren 300 m2  Segeln an der Konkurrenz vorbei, fiel dann aber durch einen taktischen Fehler auf Platz 16 zurück.

 
Mein Freund stand mit offenem Mund an Deck, die Beweiskamera baumelte ungenutzt an seinem Hals. Am Ende des ersten Regattatages war er noch skeptisch... „das war Zufall, das gibt es doch nicht!“ Aber als wir nach einer traumhaften Woche mit mal viel und mal weniger Wind wieder in Bodrum einliefen, war er zum überzeugten Guletfan geworden. Er hatte gesehen, dass nicht nur unsere DERYA ein rassiger Segler war, sondern die Mehrzahl der hundert Schiffe, die an der Regatta teilnahmen, gut am Wind lagen. Die meisten waren bei jeder Windstärke schneller als die ebenfalls mitsegelnden Yachten. „Länge läuft halt, weißt du“, war mein zurückhaltender Kommentar. Mein Freund hat inzwischen für die nächste Gulet-Regatta ein ganzes Schiff für seine Freunde aus dem heimischen Segelclub gechartert. Link zum Bodrum Cup 2014


Bootsbauer und Kapitäne haben gelernt

Vor einigen Jahren stand es um den Ruf der Gulets in der Tat nicht allzu gut. Man hatte einen „Segeltörn“ gebucht und musste erleben, wie der Kapitän sein Schiff so schnell wie möglich von einer Bucht zur anderen prügelte. Oft ratterte schon mit dem ersten Dämmerlicht um 5 Uhr früh das Ankerspill, weil das  Schiff vor Einsetzen der Tagesbrise am nächsten Ankerplatz vertäut sein sollte. Gegenwind und Wellengang waren ungeeignet für die einfach gebauten Holzschiffe.

 
Inzwischen hat sich einiges getan: die Gulets sind seetüchtiger und komfortabler geworden. Bessere Ausstattung der Werften und moderne Baumethoden mit Mahagoni-Epoxy nach WEST-System (Wood Epoxy System Technology) garantieren deutlich bessere Qualität. Auch die Behörden zogen mit: seit Jahren schon müssen Gulets ausreichend große Rettungsinseln an Bord haben und mit Radar ausgerüstet sein. Ein eigens in Bodrum gebautes Ausbildungs- und Schulschiff, ein 32 Meter langer klassischer Schoner, garantierte, dass Matrosen und Kapitäne ein professionelles Training erfuhren, bei dem nicht nur Seemannschaft, sondern auch gute Gästebetreuung vermittelt wurden. Leider ist dieses Projekt aber mangels Sponsoren-Einsatz zur Zeit auf Eis gelegt. 

Ein Goldmedaillengewinner wird Gulet-Eigner

Er gehörte 13 Jahre zur Weltspitze im FD und holte 1976 mit Bruder Eckart die Goldmedaille in Montreal. Bei Weltmeisterschaften sammelten die beiden einige Vizetitel ein und 1986 waren sie die Besten bei den Europa- und Weltmeisterschaften. Zum Abschluss seiner Karriere steuerte er die Superyacht von Franz Burda um die Welt. Später war er Arzt in Kiel und Eigner einer 26 Meter langen Gulet, auf der er heute nicht nur an der türkischen Küste anzutreffen ist, sondern in der gesamten Ägäis. Sein Name: Jörg Diesch.

 
Wie kommt ein Spitzensegler dazu, sich in eine Gulet zu verlieben? Als er auf der Suche nach einem Urlaubsschiff für die Familie die türkische Küste abklapperte, kam er durch Empfehlung eines Freundes auf eines dieser honiggelb leuchtenden Holzschiffe: die Gulet CAROLIN im Hafen von Kas. Das Schiff war gepflegt, aber spartanisch ausgerüstet. Segel und Kühlschrank fehlten, dafür lag der Preis im Rahmen. Sollte er oder sollte er nicht? Zurück in Kiel entschied er sich für „kaufen“. Er beauftragte den Freund mit der Abwicklung, überwies Geld, schlief einige Nächte schlecht und war schließlich Besitzer der CAROLIN. Seither segelt er sie jeden Sommer mit der Familie und den Freunden. In den Monaten, die er wegen Beruf und Schule nicht an Bord sein konnte, vercharterte er das Schiff mit Kapitän und Crew an Freunde und Gäste, um die Kosten, die 26 Meter „Holz“ verursachen, wieder einzuspielen.

 
Eine Gulet macht Freude – und Arbeit


Jörg Diesch sagt: „Das Schiff ist wunderbar, segelt sogar ganz gut bei Halb- und Raumschot-Winden. Und finanziert sich plus-minus selbst.“ Aber nur nach sehr gründlichen Überlegen würde er sich so blauäugig auf ein vergleichbares Abenteuer einlassen. Holzschiffe sind eine besondere Spezies, und die türkischen „Experten“, die sich bei der Vermittlung anbieten, auch. Man sollte schon einigermaßen mit den Gepflogenheiten im Land vertraut sein, sich genau über die Umbau- und Folgekosten, den Liegeplatz, die unverzichtbare Mannschaft sowie die Behördenbestimmungen informieren. Ganz nebenbei lernte Diesch, dass es für einen Nichtorientalen besser ist, korrekt und ohne Bakschischtricks vorzugehen.

 
Inzwischen genießt er es, an Deck seiner CAROLIN zu stehen und bei einer leichten Brise nicht nur durch den traumhaft schönen Golf von Fethiye zu gleiten, sondern den Horizont weiter zu stecken. Eine Weltumseglung war geplant, aber wegen technischer Probleme erst einmal zurück gestellt. Die Ägäis ist ein starkes Revier, das Schiff und Crew fordert. Wenn alles stimmt entfaltet das Schiff seinen ganzen Zauber, der anders ist als der einer Yacht. FD-Weltmeister und Weltumsegeler Jörg Diesch meint: mit einer Gulet kann man die schönsten Ecken des weiten Mittelmeeres vielleicht besser erleben als mit einer Yacht. Weil man viel mehr Platz hat, nicht so eng aufeinander hockt und einfach mehr entspannt auf dem Schiff lebt als immerzu nervös voran getrieben zu sein.

Wichtig ist, dass man die Arbeit, die ein solches Schiff verursacht, von kundigen Bootsleuten machen lässt. Wollte man alles selbst machen, gingen viel zu viele Urlaubstage verloren. Nur wenn man an Bord lebt und keine zwei linken Hände hat, ist do-it-yourself eine Methode, um Kosten zu sparen. Holz, besonders das anspruchslose Pinienholz, aus dem die preiswerteren Gulets gebaut werden, ist pflegeintensiv. Holzfäule lauert in allen Ecken. Der Lack muss zweimal im Jahr aufgetragen werden, um das Holz vor Sonne und Salz zu schützen. Jörg Disch lacht: "Die Liste der Arbeiten ist immer endlos".

 
Bodrum – die Hauptstadt der Gulets

In den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts kamen türkische Bootsbauer aus Kreta nach Bodrum und brachten die Fähigkeit mit, seetüchtige kleine Schiffe aus Pinienholz zu bauen. Sie gründeten Werften rund um das alte Halikarnassos und zimmerten frei nach Augenmaß ohne Pläne - wie von den Griechen gelernt - einfache Boote für die Fischer und Schwammtaucher der Umgebung. Auf einen starken Kielbalken wurden gebogene Spanten gestellt, auf die wie zu Odysseus Zeiten Planken aufgenagelt wurden. Damit kein Wasser von unten in das Boot eindringen konnte, wurden die "Spalten" zwischen den Planken vom Kalfat-Usta, dem Kalfatmeister, mit geteerter Baumwolle abgedichtet und das offene Deck mit Decksbalken und schmalen Holzstäben eingeplankt.

Noch in den 50er Jahren segelten diese Boote mit zwei bis drei Mann Besatzung zum Schwammtauchen hinauf zum Marmarameer oder quer übers Mittelmeer an die marokkanische Küste. Einige Werften bauten größere Schiffe, die für den Transport von Waren eingesetzt wurden.  Wein, Oliven und die im Meer gefundenen Schwämme konnten so schneller und bequemer über das Meer zu den Märkten gebracht werden - an Land gab es nur unwegsame Eselspfade. Diese Boote waren bereits mit Motoren ausgerüstet. Sie konnten so gegen den vorherrschenden Nordwind anfahren und kamen meist pünktlich ans Ziel. Manche waren auch mit einem Mast und einfachen Segeln ausgestattet, um bei gutem Raumschotwind ohne Motor voran zu kommen. Sie fuhren nach Izmir oder weiter nördlich durch die Dardanellen bis nach Istanbul. Andere segelten zu den Küstenstädten nach Antalya, Alanya und Mersin hinunter. Rege war auch der Schmuggel im Grenzgebiet zum nahen Europa.

Kuno S. Steuben segeltet in den frühen 60er Jahren mit einem Kaik im Gökovagolf. Er berichtet in seinem nur noch antiquarisch kaufbaren Buch „Abenteuer mit SHANGRILA: „Die türkischen Fischer aus Bodrum trafen sich nachts auf offenem Meer mit den griechischen Fischern aus Kos und verkauften ihnen ihre Fische. Die Griechen wiederum verkauften die geschmuggelten Fische am nächsten Morgen mit Aufschlag auf dem Inselmarkt von Kos – der kleine Grenzverkehr funktionierte prächtig.“

Einer der berühmtesten Bodrumer Guletbauer, der die alten Zeiten noch erlebt hat, ist Erol Agan, den sie Guletlerin Babasi nennen, den Vater der Gulets. Seine Werft in Içmeler bei Bodrum leitete er mit der linken Hand: Als junger Mann verlor er auf der Werft von Ziya Usta den rechten Arm zwischen den Riemen einer Bandsäge. Das brachte ihn aber nicht  vom Bootsbau ab. Bis vor wenigen Jahren baute er noch Gulets im alten Stil, die schönsten an der Küste, wird behauptet. „Früher war der Bau eines Schiffes noch Handarbeit. Heute gibt es besseres Material und modernere Werkzeuge, deshalb ist die Qualität gestiegen und die Preise sind immer noch günstig“, sagt er. Einer seiner vier Söhne studiert Naval Engineering in den USA. Damit wird die Tradition der Familie in dem auf die modernen Zeiten angepassten Werftbetrieb mit einem 450 Tonnen Travellift fortgeführt.

 

20er Jahre: Die Blaue Reise wird erfunden

Cevat Sakir Kabaagaçli, ein Journalist aus Istanbul, und ein Militärgericht haben in den 20er Jahren die Guletreise erfunden. Cevat hatte in seiner Zeitung einen Artikel über Armeedeserteure veröffentlicht und dabei seine Sympathie zu diesen zwischen den Zeilen durchblicken lassen. Er kam vor den Militärrichter und wurde wegen „staatsfeindlicher Umtriebe“ zu 3-jährigen Verbannung verurteilt. Verbannungsort Bodrum.

Nach Beendigung der Strafe kehrte Cevat nicht in die Großstadt zurück, sondern blieb in seinem "glücklichen Exil“. Längst hatte er sich mit Fischern und Schwammtauchern angefreundet. Er legte seinen bürgerlichen Namen ab und begann unter dem Pseudonym Halikarnas Balikçi (Fischer von Halikarnassos) Bücher über seine neue Heimat zu schreiben. Unter diesem Namen ist er in der Türkei berühmt geworden.

Für seine Erkundungsfahrten im Golf von Gökova mietete Cevat einfache Fischer- oder Schwammtaucherboote und lud dazu seine Freunde aus Istanbul ein. Wochenlang trieben sie sich in den Buchten herum, lebten einfach, fischten, backten Brot an Bord und ließen es sich gut gehen. In seinen Reiseberichten nannte er diese Fahrten liebevoll mavi yolculuk, Blaue Reise.

Die „Blauen Reisen“ sprachen sich herum, immer mehr Freunde wollten teilnehmen. So wurden die Boote von Jahr zu Jahr größer und ein bisschen komfortabler. Nach seinem Tode (1973) führten seine Freunde die Tradition der mavi yolculuk fort. Heute leben einige Tausend Einheimische zwischen Bodrum und Antalya von diesem Boom: als Bootsbauer und Ausrüster auf den Werften und als Kapitäne, Köche und Matrosen an Bord.

Inzwischen liegen so viele Gulets an den Piers in Bodrum, Datca, Bozburun, Marmaris, Göcek und Fethiye - oft ohne Gäste - dass es einen Besucher schwindelt. Wer soll all diese vielen Kabinen, die immer komfortabler und größer werden, buchen?


Gulets - ideale Urlaubsschiffe?


Man muss nicht Seefahrer sein, um diese Schiffe zu lieben. Türkische Gulets sind vor allem für Nicht-Segler ein anregender Anblick, weil sie aus leuchtendem Pinienholz gebaut und mit Yachtfarben auf Hochglanz lackiert sind. Auf dem Achterschiff weht meist übergroß die rote türkische Flagge mit Halbmond und Stern. Eine breite Gangway mit stabiler Reling führt von der Pier zum Achterkastell, wo gemütliche Stühle um einen großen Holztisch zum Sitzen einladen.


Eine Gulet ist ein kleines schwimmendes Hotel auf dem Wasser. Die "Zimmer" sind großzügig und mit Doppel- oder Stockbetten ausgestattet; jede Kabine hat eine eigene Dusche und WC. Das Leben an Bord ist draußen-orientiert: Man sitzt oder liegt an Deck oder im geräumigen Cockpit. Gemütliche, reichlich gepolsterte Sonnenliegen und Polsterecken bieten überall Schatten oder Sonne und frischen Wind um die Nase - je nach dem wie man es gerade haben will. Eine Gulet hat je nach Grösse Platz für 6 bis 20 Gäste. Das Schöne ist: keiner tritt dem anderen auf die Füße wie auf einer schmalen Yacht, die Privatsphäre bleibt gewahrt.

 
Auf einer Blauen Reise verbindet das gemeinsame Erlebnis. Auf vielen Törns sind Menschen, die sich vorher nicht kannten, zu Freunden geworden. Die Beziehung zwischen den Gästen und der Mannschaft ist vertrauensvoll persönlich. Der Kapitän und seine Crew kümmern sich aufmerksam um das Wohl der Gäste und versuchen auch persönliche Wünsche (zum Beispiel beim Essen) zu erfüllen. Der typische Guletgast ist keineswegs der ambitionierte Segler, der Meilen abreißen will. Guletgäste sind Menschen, die vom langweiligen Strandleben auf der Liege unterm Sonnenschirm und dem Hotelkasten endgültig adieu sagen und das mobile Schiff mit seinem vergleichbaren Komfort, aber den ständig wechselnden Plätzen - Buchten, kleinen Orten und urigen Häfen - im größten Swimmingpool der Welt, dem Meer, entschieden bevorzugen.

 
Von Bucht zu Bucht


Gulets haben starke Motoren, die zwischen 8 und 11 Knoten Fahrt aufs Wasser bringen. In wenigen Stunden können beachtliche Strecken zurückgelegt werden. Der Ortswechsel ist ein wesentliches Merkmal einer Guletreise. Zwischen den einzelnen Etappen gibt es immer wieder Stopps in Buchten zum Baden, Surfen, Kanufahren oder an Land eine antike Ausgrabung besichtigen. Mehrmals auf einer Reise werden auch kleine Häfen zum Bummeln und Verproviantieren angelaufen.


Meist ankert der Kaptan, so heißt der Kapitän auf einer Gulet, da wo sich der Skipper einer Charteryacht nicht zu ankern traut: im glasklaren, türkisfarbenen Wasser einer in keinem Hafenhandbuch beschriebenen Bucht. Viele Buchten sind so einsam wie Allah sie schuf, einige Golfe sind Naturschutzparks, in denen nicht gebaut werden darf (der Rummel ist rund um die Urlaubshochburgen Bodrum, Marmaris, Fethiye, Kas und Antalya konzentriert). Nur das Zirpen der Zikaden ist zu hören. In anderen Buchten gibt es Tavernen, die zu türkichem Essen mit frisch gefangenem Fisch einladen. In einigen Buchten kommen fliegende Händler zum Schiff. Sie bieten begehrte Mitbringsel an: Tücher, Teppiche, Honig, Mandeln und Gewürze.

 
Das Schönste an einer Guletreise ist der Wechsel. Landschaften gleiten vorbei, während man entspannt an Deck liegt und in den Himmel träumt, ein Buch liest, sich unterhält oder gar nichts tut. Badebucht folgt auf Badebucht und jeden Abend wird an einem anderen sicheren Ankerplatz festgemacht. Da eine Gulet einige Tonnen Frischwasser in ihrem Bauch transportiert, kann nach jedem Bad im Meer das Salz mit Süßwasser von der Haut geduscht werden.

 
An Bord wird türkisch gekocht. Und da die türkische Küche zu den besten der Welt gezählt wird, kann man sich allemal auf etwas Gutes gefasst machen. Vor allem das Gemüse und die Früchte, die an der Küste wachsen, sind eine Bereicherung des Speiseplans. Dazu das frische und gute Olivenöl! Auf allen Gulets fährt ein Koch mit, der sich um das leibliche Wohl seiner Gäste kümmert.

Immer mehr Komfort


Auf den Werften geht der Trend unaufhaltsam zu "noch größer" und "noch komfortabler". Aus Zweimastern werden Dreimaster, aus 6 Kabinen werden 12- und Mehr-Kabinenschiffe. Zu den Anfängen der Blauen Reise gab es nur eine Toilette an Bord. Heute hat jede Doppelkabine ein eigenes Bad mit WC und Dusche, und die komplizierten Yachtpumptoiletten wurden mehr und mehr durch normale Haustoiletten ersetzt. Große Fäkalientanks sorgen - gesetzlich verordnet - dafür, dass Buchten und Häfen sauber bleiben. An diesem Punkt hatte mein Freund am meisten geirrt: Nirgendwo im Mittelmeer gibt es so strenge Auflagen für die Sauberkeit des Wassers wie in der Türkei - jedes Schiff, gleich ob Yacht oder Gulet, muss mit Toiletten- und Schmutzwassertanks ausgerüstet sein. An dieser Stelle allerdings hapert es noch. Absaugstationen gibt es nur in den größeren Häfen. An flexibelen Lösungen, die auch in den Golfen und Buchten installiert werden können wird jedoch intensiv gearbeitet.

Die Kabinen sind so geräumig und bequem eingerichtet wie auf einem Ozeanliner. Die gehobenen Gulets sind mit Klimaanlagen ausgestattet, was jedoch nicht jedermanns Sache ist, da die Umwelt und vor allem der Nachbarlieger durch den Generatorenlärm leidet. Turbodiesel  und Tiefkühltruhen gehören zum Standard. Was würde der Fischer von Halikarnassos sagen, wenn er sehen könnte, wie sich seine Idee verselbstständigt hat, fragt sich mancher Traditionalist, der den alten Zeiten nachtrauert. Für Hotelmüde oder bequemer gewordene Segler ist eine "Blaue Reise" auf einer Gulet trotz mancher Einschränkung ein Urlaubs-Erlebnis mit Rundum-Service zu erschwinglichen Preisen.

In der Tat sind die Preise je nach Kategorie erstaunlich günstig: Eine einfache, aber ordentliche Dreisterne-Gulet mit 6 Kabinen für 12 Gäste ist bereits zu einem Wochenpreis von Euro 3.000 bis 4.000 (um die 300 Euro Person/Woche) zu haben. Es gibt aber auch Luxus-Gulets mit Edelholzausstattung und hamam (türkischem Bad), die ein paar Tausender pro Woche mehr kosten - wer sich in die Natur begibt, muss auf Luxus nicht verzichten. „Für alle, gleich ob Familienvater mit kleinem Geldbeutel oder Aufsichtsratvorsitzender mit reichlich Peanuts, bringt die richtig ausgewählte Gulet ein Stück perfekten Urlaub, Freiheit der Meere inklusive,“ sagt der Inhaber einer Bodrumer Reiseagentur.

Der Kaptan kennt sein Heimatrevier und die Wünsche seiner Gäste aus dem Effeff. Diese sind so verschieden wie die Schiffe selbst. Die einen wollen schnell von Bucht zu Bucht kommen, um dort ausgiebig zu schwimmen, zu surfen, Kanu zu fahren, sich in der Sonne zu aalen oder sich vom türkischen Koch verwöhnen zu lassen. Andere - das ist auf jeden Fall die klare Minderheit - wollen auch mal segeln, ganz gleich, ob dann das Mittagessen durch ein einfaches Sandwich ersetzt wird: Hauptsache, der Wind drückt in die Segel und der Motor hält die Klappe.

Für FD-Segler Jörg Diesch ist es wichtig, dass seine CAROLIN öfter segelt als motort. „Das war Grundbedingung, sonst hätte ich das Schiff nicht gekauft,“ sagt er. Trotzdem nimmt er – im Gegensatz zu meinem konvertierten Freund - nicht an der Gulet-Regatta teil, die jedes Jahr im Oktober vor Bodrum zur Segelmotivation der Guletmannschaften stattfindet. „Das ist mir zu viel Stress,“ meint Diesch, „das habe ich alles hinter mir.“

Infokasten Gulets

Manche Gulets können segeln - aber nicht alle. Die meisten fahren unter Motor. Diejenigen, die segeln, sind schneller als jede Yacht, weil Länge läuft. Gulets sind deutlich größer als Yachten. Meist tragen segelnde Gulets je nach Größe zwei- bis fünfhundert Quadratmeter Segeltuch. Wer gleichzeitig den Komfort einer Gulet und das besondere Segelerlebnis sucht, findet zum Beispiel bei der holländischen Charterfirma vor allem segelnde Gulets im Angebot.


Eines der beliebtesten Reviere für eine Woche ist von Bodrum aus der Golf von Gökova. Wer jedoch zwei Wochen Zeit hat oder einen Oneway-Törn buchen kann (z.B. von Bodrum nach Marmaris oder Göcek oder umgekehrt), kommt um das eindrucksvolle Kap von Knidos herum. Hoch ragen die Felsen in den Himmel und das Meer donnert gegen die Küste. Gleich hinter dem Kap gibt es eine geschützte Bucht mit einem überraschend ruhigen Ankerplatz: die antike Stadt von Knidos zieht sich die Hänge hinauf und will entdeckt

werden. Viele weitere schöne und entspannte Routen bieten die Vermieter von Gulets in Deutschland und in der Türkei an.

Kleine Typenkunde


Rundheck-Gulet
Die typische Gulet ist ein Zweimastschiff mit Ketsch- oder Schonerrigg. Charakteristisch ist das weitgeschwungene runde Heck und der große Platz an und unter Deck. Die genaue Herkunft des Wortes Gulet ist unklar. An der französischen Küste sind Goulettes bereits seit dem 18. Jahrhundert bekannt. Der Sammelbegriff Gulet taucht in der Türkei erst in den 80er Jahren auf. Inzwischen schließt Gulet auch alle anderen Arten von an der türkischen Küste gebauten Holzschiffen ein – gleich ob Spitzgatter (= Tirhandli) oder Spiegelketsch (= Aynakiç) mit ein.

Gulet ist mehr oder weniger alles, was aus Holz gebaut wird und als Slup, Ketsch oder Schoner getakelt ist. Neuerdings werden auch Drei- und sogar Viermaster zu Wasser gelassen und als Gulet bezeichnet. Es gibt sogar Leute, die aus Stahl und Fiberglas gebaute Schiffe, wenn sie auf türkischen Werften entstanden und annähernd dem Design der Gulet entsprechen, als Gulets bezeichnen.


Möglich ist, dass die türkische Bezeichnung Gulet vom venezianischen galiota kommt. Eine Vielzahl nautischer Begriffe sind im italienisch-griechischen-türkischen Seemannskauderwelsch der Jahrhunderte zur türkischen Küste gewandert. So steht galiota auch für eine galleon, einen geräumigen Frachtschifftyp.

Tirhandil
Ist das jahrhundertalte Arbeitspferd des Mittelmeeres und verwandt mit seiner Schwester, dem griechischen Kaik. Diese Schiffe sind Doppelender, das heißt sie laufen vorne und achtern spitz zu wie die berühmten norwegischen Rettungskutter von Colin Archer. Meist haben sie einen Mast, Lateinersegel, sowie Sprit- und Vorsegel. Das Boot konnte mit Rudern bewegt werden, wenn dies wegen Flaute (oder später: streikendem Motor) notwendig war. Griechische und italienische Fischer benutzten diese Typen zum Schleppnetzfischen.

Der ursprüngliche Name war Triandil, vom griechischen tria – drei – abgeleitet. Daraus wurde im Türkischen Tirhandil. Die klassische Tirhandil war meist im Verhältnis Länge zu Breite zu Freibord nach der Formel 9 : 3 : 1 gebaut. Eine typische Tirhandil war also zum Beispiel 9 Meter lang, 3 Meter breit und hatte in der Mitte nur einen Meter Freibord, damit die Netze leichter eingeholt werden konnten.


Aynakiç
eingedeutscht Spiegelketsch, ist verwandt mit der Gulet, hat im Gegensatz zu ihr aber ein ausgebautes Heck mit einem spiegelähnlichen Abschluss. Der entscheidende Vorteil gegenüber einer Gulet ist der größere Platz für Gäste und Crew durch zwei zusätzliche Achterkabinen. Für die wachsenden Ansprüche des Blaue-Reise-Tourismus wurden in den letzten Jahren mehr Aynaketschen als Gulets gebaut. Segelpuristen allerdings bevorzugen eindeutig die Gulet und noch mehr das Tirhandil. Übersetzt heißt ayna kiç übrigens 'getäfeltes Heck' oder verständlicher: Spiegelheck.

Während Tirhandils mit ihrem schmalen Achterdeck die besseren Segler sind, bieten Gulets und Ayna-Ketschen einfach mehr Platz für Urlaubs-Reisen.


Der Autor Udo Hinnerkopf (Text und Bilder) segelte Anfang der 90er Jahre zu den Werften zwischen Marmaris und Güllük, um sich über den Stand des türkischen Holzschiffsbau kundig zu machen. Der Artikel erschien in YACHT Nr. 21/1991 und sorgte aufgrund seiner Wahrheiten für viel Wirbel an der Küste.


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